Übern Sand rudern

25. Mai 2005, 11:19

Von einer Karawane und dem Zeitmaß der Wüste: Wege durch die Libysche Sahara.

Albert Kostner

Das Abenteuer beginnt vor dem ersten Schritt: wie ein Schlauchboot vor Kap Hoorn benimmt sich das Tier, das eben noch ungerührt wiederkäuend im erhitzten Sand gelegen ist, wirft sich und den Reiter nach hinten, gleich darauf vorwärts und zu guter Letzt unter sanftem Schnaufen nochmals hinterwärts in die aufrechte Position. Ein leichter Druck mit den Füßen auf den Hals macht das Tier zum Reittier, und schwankend sticht man ins Meer aus Sand, in eine sanfte, orangefarbene Dünung hinein, mit diesen feinen Rippeln, die tagtäglich von Neuem der Wind kämmt, und den Eidechsen- und Fuchsspuren darüber hinweg.

Jeder Weg beginnt irgendwo. Für den unsrigen ist Ghat der Ausgangspunkt, hier treffen wir die Karawane. Von hier ziehen wir erst nach Osten, dann nordwärts tiefer zwischen die Berge des Akakus. Neunzehn Kamele, 160 Liter Wasser in Plastikkanistern, Nahrung für acht Tage in Stoffsäcken. Keine Rast ohne Feuer, jedes Mal das Knacken der spröden Akazienäste, der Zimtgeruch des Rauchs, immer den grünen Tee aus kaum mehr als fingerhutgroßen Gläsern. Weiß man doch: Karten haben für die Welt bloß Linien und Namen, keine Gesichter oder Gerüche, niemals die wahre Farbe der Felsen oder des Sandes. Bei der Stadt Ghat ist es nicht anders: zuallererst diffuses kartographisches Faktum, hineingezwängt in die südwestlichste Ecke Libyens, in die Ausläufer des Tassili N'Ajjer, Algerien nur wenige Kilometer entfernt, hinter einem gezackten Kamm, den später Tag für Tag der Dunst verschmieren wird.

Die Altstadt ist dem Nagen des Windes ausgeliefert, die Kälte der Winternächte und die Hitze der Sommer danach reißen den sandfarbenen Verputz auseinander: zerbrochene Bögen, Spalten wie Spinnweben über die Mauern, von den Rufen der Händler noch eine leise Ahnung, Elias Canetti und Antoine de Saint-Exupéry an allen Ecken.

Draußen die Gegenwart mit den aschgrauen Würfeln der Häuser, Lichtjahre entfernt von jeder Poesie, nichts als der Endpunkt einer Zweitagesreise im Kleinbus von Tripolis nach Süden. Der erste Tag, um sich satt zu sehen an den Felsen und dem Geröll der Hammadah, bis man Sebha erreicht, der zweite bleibt den krummen Dünen der Sandsee von Ubari und den Felsen des Akakus. Wären die Straßen nicht asphaltiert und dazu noch bretteleben und schnurgerade, wer weiß, wie lange es dauern würde und ob man jemals irgendwo ankäme. Nicht einmal fünf Millionen Einwohner in einem Land zwanzigmal so groß wie Österreich, 83 Prozent davon in den Städten. Viel bleibt nicht übrig für das Dazwischenliegende.

Yussef reitet voran, sein blauer Umhang wie ein Lampion aus Seidenpapier vor ockerfarbenem Sand und dunkelroten Felswänden, und er weiß viel zu erzählen über die Wüste, schlägt man sich an seine Seite und hört zu. Er ist an die sechzig Jahre alt, aber zu keiner Zeit stellt sich die Frage, wer unser Führer ist. Die Frage ist vielmehr, wie er sich überhaupt zu orientieren vermag in diesem Wirrwarr aus Stein und Sand, in diesem Landschaft gewordenen Labyrinth.

Das Zeitmaß der Wüste: ein Tag, danach eine Nacht, wiederum ein Tag, und immer weiter so. Wir folgen dem weichen Sandboden unten in den Tälern. Bisweilen steigen wir heraus, überqueren Hochebenen, um in das nächste Tal zu kommen. Der Boden oben gepflastert mit schwarz-violettem faustgroßen Geröll, im Licht schimmernd, als trieben wir inmitten der dröhnenden Stille in einem unbewegten Ozean, daraus Klippen aus Sandstein als Schlösser und Burgen, zerfressener Tonstein, widerspenstige Bögen und Säulen als archaische Revolte gegen das Diktat der Gravitation. Hier oben frisst die Sonne alles Leben, nur mit den seltenen Winterregen kommt die Sanftheit schlafender Kinder.

Irgendwann tanzt eine Libelle vorüber: undenkbares Schillern inmitten der flimmernden Hitze. Es gibt kein Halt machen. Wir können für die Nacht nur dort bleiben, wo die borstigen Grasbüschel stehen, oder Akazien, unten in den Wadis.

Wir sind seit Tagen unterwegs. Seit Tagen die eisigen Nächte, keine Wolken schieben sich schützend vor die Kälte des Himmels. Jeden Morgen noch vor Tagesanbruch einen Tee am Feuer, heiß, süß, löst die Starrheit der Nacht, seit Tagen das leise Grollen der Kamele, die einer von Yussefs Treibern zwischen den Akazien des Wadi hervorgeholt hat, die er niederknien lässt, um sie zu beladen und ihnen die Sättel aufzulegen, seit Tagen behutsames Vorwärtstasten hinein in die Schweigsamkeit und flirrende Leere der Sahara.

Bisweilen lässt Yussef die Karawane dort anhalten, wo Wind und Wasser Höhlen in den Sandstein geschliffen haben. Die Felswände im verwaschenen Halbdunkel der Schatten sind übersät mit den erstarrten Konturen von Gazellen und Giraffen, daneben folgen ihnen Jäger mit Pfeil und Bogen, rostrote und weiße Körper, Tanzszenen, Menschen im Kreis hockend, Frauen, die Getreide mahlen. Manche der Felszeichnungen verblassen bereits: Die Sahara wächst und verwischt die Spuren früheren Lebens. An einer Stelle haben Touristen Teile der jahrtausendealten Zeichnungen abgeschlagen, nackter grauer Stein bleibt zurück. Die Tuareg heben resignierend die Schultern.

"Der Tourismus ist wichtig für uns", sagt Yussef später. Nachts am Feuer. Einer junger Targi knetet den Brotteig, füllt eine Mulde im Boden mit Glut, legt eine Schicht Sand darüber und lässt den Teig hinein fließen, den er wieder mit Sand und Glut bedeckt. Eine halbe Stunde später wird er das fertige Brot ausgraben und die harte Kruste abklopfen. Yussef erzählt. Fehlen ihm die Wörter, streicht er den Sand vor sich glatt und zeichnet. Dann löscht er die Linien mit der Hand aus und zeichnet Neues.

Irgendwann spricht Yussef über Kamele. Er führt die Hände zusammen und bewegt die Arme in weichem Wellenschlag vor dem Körper, und in dieser Bewegung liegt alles, was es auszudrücken gäbe. Dann blickt er ins Feuer und schweigt. Man tut gut daran, ein wenig mit ihm zu schweigen. Was bleibt auch viel zu sagen, wenn die Sonne hinter einem Horizont verschwindet, hinter dem liegen mag, was hier nicht zählt, und später auf der anderen Seite der Mond hochsteigt, wenn der Sturm die Wörter wegreißt, anderntags, und sie in den Sandschwaden ertrinken.

© DER STANDARD, 31. Dez. 1999 / 1./2. Jan. 2000 Automatically processed by COMLAB NewsBench v

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