Die Lemminge der Zapfsäule

13. Juli 2004, 14:32
79 Postings

Was passiert, wenn das Öl immer teurer – und der Mensch nicht klüger wird? Warnung eines Umweltpolitikers - Kommentar der anderen von Christoph Chorherr

Die Schlagzeilen enthüllen die Seelenlage der Nation: "Benzin so teuer wie noch nie", titelte auch der Standard. Nie liest man: "Mieten/Pflanzen/Äpfel/Wurstsemmeln/Fahrräder so teuer wie noch nie." Denn die Inflation trifft nahezu alle Waren; dass ein Produkt X heute teurer ist als gestern, ist keine Überraschung. Aber bei Benzin schaltet offenkundig das Hirn aus.

Unserem Gesellschaftssystem, das ein Grundrecht auf billiges Erdöl zu besitzen glaubt, droht noch viel "Fürchterliches". Vieles deutet darauf hin, dass in den nächsten Jahren Erdöl wirklich viel, sehr viel teurer sein wird. Und dann geht es nicht darum, ob ein Liter Diesel 75 oder 85 Cent, sondern ob er 1,5 oder gar zwei € kosten wird.

Drastische Rückgänge

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Da ist einmal die enorme Steigerung der Energienachfrage: Länder wie China und Indien sind mit Wachstumsraten von acht Prozent voll auf dem Pfad der Industrialisierung. Allein in diesen beiden Ländern leben mehr als zwei Milliarden Menschen, die allerdings pro Kopf nur ein Zehntel dessen verbrauchen, was "wir" vergeuden. Außerdem haben derzeit etwa ebenso viele Menschen keinen Zugang zu Strom. Aber sie alle haben das Recht und den Willen, zumindest ein Minimum an Lebensstandard (Licht, Eiskasten, Kochen) zu erreichen, und hoffentlich wird ihnen das auch gelingen.

Aber selbst in reichen Ländern wie den europäischen oder in den USA wächst der Benzinverbrauch kräftig: Es werden immer größere, schwerere und leistungsstärkere Autos gekauft; Suburbanisierung (das Haus im Grünen abseits öffentlicher Verkehrsmittel) und Zersiedelung schreiten beängstigend voran; Shoppingcenter mit riesigen Parkplätzen verdrängen die fußläufig erreichbare Nahversorgung. All das heißt: immer größere Abhängigkeit vom Auto, immer mehr Kilometer, immer höherer Benzinverbrauch. Auf der anderen Seite mehren sich die Anzeichen, dass das weltweite Ölangebot nicht im dafür "notwendigen" Ausmaß ausgeweitet werden kann. Unter dem Schlagwort "Peak Oil" wird immer wahrscheinlicher, was namhafte Experten schon seit Jahren prognostizieren: Die Ölproduktion wird ihren Höhepunkt ("Peak") erreichen und dann relativ rasch zurückgehen.

Spezifischer Verlauf

Nein, das ist kein Katastrophenszenario, das das Versiegen des Erdöls in Aussicht stellt. Aber die Ölförderung ist durch einen spezifischen Verlauf gekennzeichnet: Ist ein Ölfeld rd. zur Hälfte erschöpft, liefert es zwar noch Jahrzehnte weiter, die jährliche Produktion aber sinkt – vergleichbar einer mit der Hand ausgepressten Zitrone: Am Anfang rinnt der Saft üppig; gegen Ende immer dünner. Ein kurzer Rückblick: Österreich hatte seine Produktionsspitze 1954, seitdem geht die Förderung zurück; in den Vereinigten Staaten sinkt die Fördermenge seit 1970; und der große Schatz Europas, das Nordseeöl, verliert seit seinem "Peak" 1999 drastisch an Substanz.

Alarmierend auch die sinkende Zahl neuer Ölfunde: Es werden zwar noch immer neue Ölfelder entdeckt, aber immer weniger und immer kleinere, was deren Erschließung signifikant verteuert. Seit Anfang der 80er-Jahre übersteigt das Volumen der Ölförderung aus bestehenden Quellen drastisch jenes aus neuen.

Kein "Plan B"

Unbestritten ist heute, dass irgendwann in absehbarer Zukunft die Weltölförderung ihren "Gesamt-Peak" erreicht haben wird. Umstritten ist, wann das genau sein wird. Pessimisten meinen, wir seien nahe dran; Optimisten meinen, er käme erst nach 2020.

Völlig unverständlich ist, warum weder die USA noch die Europäische Union und natürlich auch nicht Österreich einen "Plan B" haben, also eine Strategie, mit der unser Wirtschaftssystem auf den "Peak Oil" vorbereitet wird. Wie die Öl-Lemminge hoffen diese "Eliten" auf wieder sinkende Ölpreise, obwohl möglicherweise in den nächsten Jahren das genaue Gegenteil eintreten wird.

Das Absurde daran: Staaten bzw. Regionen, die diesen Plan B in der Tasche haben, werden dann bei Ölpreisen von 60 bis 100 Dollar das Barrel als Einzige profitieren.

Grundelemente eines Plan B müssten sein:

  • volle Konzentration auf alle Formen effizienter Energienutzung;

  • vehementer Ausbau aller Arten von erneuerbaren Energieträgern wie Wind, Solar, biogene Treibstoffe, Biogas, Biomasse etc. (es ist zum Beispiel völlig absurd, dass heu-‑ te noch neue Ölheizungen‑ installiert werden);

  • mutige Veränderungen der Raumordnung, die die Zersiedelung begrenzen;

  • Steueranreize wie beispielsweise eine Staumaut, die umweltfreundliches Verkehrsverhalten belohnt.

Die Technologien für Plan B sind jedenfalls vorhanden. Woran es dagegen beängstigend mangelt, sind Politiker, die die fundamentale – nicht nur umwelt-, sondern auch wirtschaftspolitische – Relevanz dieses Themas erkennen und entsprechend reagieren. Stattdessen rudern Öl-Lemminge wie Bartenstein, die Wirtschaftskammer, der ÖGB oder die AK in die Gegenrichtung. Statt das Ökostromgesetz als eines der wenigen gelungenen Instrumente zu stärken, um mehr Strom aus nicht fossilen Energieträgern zu produzieren, versuchen sie nun, Ökoenergie zu begrenzen. Aber, siehe oben: Bei Benzin und Erdöl schaltet offenbar das Hirn aus. (Der Standard, Printausgabe, 14.05.2004)

Christoph Chorherr ist Klubobmann der Wiener Grünen

Details zu "Peak Oil" unter wien.gruene.at/oil

Share if you care.