Die Stille verbellt

27. Juli 2004, 14:49
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Sizilien hat sich aus dem Würgegriff der Paten befreit. Ein Besuch bei Toten, Teufeln und im Herzen des Löwen

Da döst ein Bischof. Da schlafen Kinder in Spitzenhäubchen. Dort verharrt ein Ehepaar im ewigen Streit. Sie reißt den zahnlosen Mund weit auf, und er kneift die Augenlider zu. Aus ihren samtenen Kleidern, geschneidert wohl irgendwann im 18. Jahrhundert, lugen Gebeine, ledrige Haut und auch ein wenig Stroh hervor. Dabei haben es die Eheleute noch gut. Sie sind komplett. Der Offizier nebenan, verstorben 1856, er hat schon seinen Kopf verloren. Der liegt jetzt, ohne Unterkiefer, vor seinen Füßen. Niemand hebt ihn auf.

Willkommen im Reich der ewigen Siesta, den Catacombe dei Cappuccini von Palermo. Bewacht von mürrischen Mönchen schlummern hier seit Jahrhunderten die Ehrenbürger Palermos in kleinen, in Tuffstein geschlagenen Nischen.

Bis vor kurzem hätte man dieses schaurige Totenreich am Rande Palermos vielleicht als Symbol der Mächtigen dieser Insel ansehen können. Ein verschwiegenes Volk, respektiert, gefürchtet, aber innen drinnen völlig verfault. "In Sizilien, da gibt es keinen Respekt vor der Vergangenheit und keine Hoffnung für die Zukunft", stöhnte einst Leoluca Orlando, der ehemalige Bürgermeister Palermos. Orlando ist einer der berühmtesten Anti-Mafia-Kämpfer Italiens. Im Gegensatz zu den mutigen Mafiajägern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino hat er den Krieg gegen die Paten überlebt und mitgeholfen, die Stadt ein wenig aus ihrem Würgegriff zu befreien.

Täglich wurde in den Achtzigern in Palermo im Namen der Mafiosi geschmiert, erpresst und gemordet. Das prächtige Opernhaus der Stadt verfiel, weil sich die Stadtverwaltung nicht auf das Schutzgeld für die Mafiosi einigen konnte. Ein Reiseführer aus den Achtzigerjahren beschreibt die Insel als "blutrünstige Region".

Es hat sich viel geändert hier. Die Bürger haben sich der Mafia erfolgreich entgegengestellt. Am Rande des wilden Marktes, wo die Händler im Schatten der vielen Kirchen fette Oliven, gekochte Tintenfische und gegarte Schafsköpfe feilbieten, da hat die Justiz eine breite Hochsicherheitsschneise in die winkeligen Gassen geschlagen und ihren gläsernen Justizpalast hingestellt.

Beschützt von schwer bewaffneten Carabinieri arbeiten hier im Schatten eines der vielen Falcone-Borsellino-Denkmäler die Juristen langsam die Untaten der "ehrenwerten Gesellschaft" auf. Nichts an ihr war freilich ehrenwert. Verkitscht wurde ihr Ruf durch die Regisseure Hollywoods, romantisiert durch so manchen Soziologen. Die "uomini d'onore", so berichtet der sizilianische Mafiaforscher Salvatore Lupo in seinem brillanten Werk über die Mafia, das waren keine Beschützer der Entrechteten, sondern brutale Verbrecher, die sich im 19. Jahrhundert die Entfeudalisierung Italiens zunutze machten, um mit Erpressungen der Bauern und Viehzüchter groß zu werden.

Eine Autostunde von Palermo entfernt, vorbei am prächtigen Kloster von Monre- ale (selbst deren Patres machten mit der Cosa Nostra gemeinsame Sache), dort, wo die nach Schmiergeld stinkenden überdimensionierten Wohnblocks und Autobahnbrücken durch sanftes grünes Weideland abgelöst werden, da duckt sich das seltsame Städtchen Corleone. Nur ein verlassenes Hotel gibt es hier. Belvedere heißt es und überblickt die Stadt.

Der Garten davor sieht aus, als ob ihn seit Jahren niemand mehr betreten hätte. Ein scharfer Wachhund verbellt die Stille der Nacht. Die blutrünstige Geschichte der staubigen Paten-Stadt, kein Eventmanager vermarktet sie. Nur im hintersten Winkel des Gemeindeamtes, hinter einer schweren, metallenen Türe, da hat jemand ein paar riesige Schwarz-Weiß-Fotografien aufgehängt.

Die Bilder zeigen dunkle Blutlacken, gebrochene Mütter und Kinder der Stadt, die ihre gefallenen Väter beweinen. Kinderzeichnungen mit viel spritzendem Blut werden gezeigt. "Gemeinsam gegen die Mafia!", hat ein Kind hingekritzelt. Corleone galt lange Zeit als gewalttätigste Stadt der Welt. Vor allem in den Vierzigern wurde wie wild gemordet. Paten verstecken sich angeblich noch immer in den lieblichen Hügeln ringsum. Viele Bewohner nervt dieser Mafiakram. Eine Bürgerinitiative sammelte neulich sogar Unterschriften, damit ihre Stadt in "Cuor die Leone" (Löwenherz) umbenannt wird.

Unsinn, entgegnete der Bürgermeister, dass der Ort berüchtigt ist, sei schließlich gut für die Berühmtheit. Irgendwie hat der Mann ja Recht. Die Konkurrenz ist groß in Sizilien. Und es gibt mehr zu sehen als die Heimat des organisierten Verbrechens. Gleich neben Corleone, da klebt das Städtchen Prizzi in den Bergen, in dem zu Ostern kleine Teufel durch die Gässchen jagen.

Eine Autostunde entfernt liegt Trapani. Gleich hinter der Stadt, auf einem spitzen Berg, kauert das mittelalterliche Erice, eine verwinkelte Bergfestung, überwuchert und verwunschen. In der Antike befand sich hier der Tempel der Aphrodite. Die Matrosen, die aus Afrika kamen, erwiesenen der Göttin der Liebe ihre Reverenz, um sich anschließend mit Priesterinnen zu vergnügen, die irdische Dienste boten.

An klaren Tagen sieht man hinüber zum Naturpark von Scopello, wo sich kleine Buchten und verfallene Höfe im Gelb der wilden Margeriten verstecken. Dahinter in den Bergen hübsch renovierte Höfe, die kleine Zimmer mit herrlichem Blick auf die Bucht und wunderbare Trattorien bieten. Und erst der Osten: die Villa Donnafugata, dieses versteckte, legendenumwobene Lustschloss am Rande der Bucht von Scoglitti.

Umgeben von Johannisbrotbäumen, Kühen, Schafen, Zitronenhainen und Oliven, lustwandeln hier die Sizilianer wie einst der Schlossherr, Baron Corrado Arezzo. Der muss ein verspielter Kerl gewesen sein. In seinem Garten überall Irrgärten, kleine Pavillons mit Sternenhimmeln. Das Klischee sagt, dass der pfauchende Ätna die Menschen hier prägt. Zumindest für die Architektur mag das zutreffen. Je näher man dem rauchenden Berg kommt, desto barocker wird die Insel.

Immer wieder haben Lava und Erdstöße die Städte rund um den Berg vernichtet und unter sich begraben. Aus dunklem Lavastein wurden sie wieder erbaut. Catania etwa, die zu Unrecht verschmähte Studentenstadt, trägt Schwarz. Noto sollte man sich auch ansehen, ehe es völlig in sich zusammenfällt. Das morbide Barockstädtchen, endlich zum Weltkulturerbe geadelt, wurde nach einem Erdbeben im 17. Jahrhundert am Reißbrett erbaut. Oben am Berg die Händler, unten in den prächtigen Straßen der Adel und die Kirchenherren. Deren prächtige Palazzi mit Majolika-Böden und verspielten Tapetenwelten werden heute mit Holzlatten abgestützt und langsam renoviert. Die Zeit drängt. Mitte der Neunziger stürzte die Kuppel der Kathedrale ein.

Natürlich kann man auf Sizilien auch baden. Der Jetset steigt sich in den teuren Straßen Taorminas auf die Füße und blickt von der Terrasse des wirklich feinen Excelsior Palace Richtung Ätna. Die Schickis wissen nicht, dass sie beobachtet werden. Viele steile Kurven weiter oben, da versteckt sich nämlich in den Bergen das kleine Dörflein Castelmola.

Im hintersten Winkel, umgeben von Schluchten, Nebelschwaden und kreischenden Vögeln, da führt ein altes Ehepaar sein "Hotel Panorama". Wahrscheinlich hat man hier in diesen Zimmern mit 50er-Jahre-Charme den schönsten Ausblick der Welt: rundherum nur wilde Wälder und Schluchten, der Ätna, Siracusa, Catania, im Dunst schon das Festland und natürlich das Meer.

Eine Wanderung von hier führt nach Savoca. Das ist eine kleine Bergfestung, so schaurig und wild, dass einige Szenen des "Paten" hier gedreht wurden. Auch hier hängen die Reichen wie ihre Zeitgenossen aus Palermo mit schaurig verzerrten Gesichtern einbalsamiert in den Gruften einer Kapuzinerkirche. Eine indische Nonne bewacht die verdorrten Ehrenleute. Vor ein paar Jahren hatte ein Vandale die Mumien mit grünem Lack überschüttet. Demnächst, sagt die Schwester, wird die ehrenwerte Gesellschaft hier wieder restauriert. Die Vergangenheit vertreibt hier keiner so schnell. (DER STANDARD, rondo/14/05/2004)

Von Florian Klenk, Redakteur der Wiener Stadtzeitung Falter
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