Gesalbt und gehätschelt

29. September 2004, 15:28
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Korinth, Nemea, Olympia, Delphi: Auf den Spuren der Panhellenischen Spiele, Vorgängerveranstaltung der Olympischen

Barbie im glitzernden Synchronschwimmer-Dress wäre gerade noch gegangen. Ein fesch gebräunter Zehnkampf-Ken mit Waschbrett-bauch vermutlich auch. Aber Athena und Phevos, die zwei Athener Olympia-Maskottchen? Die sitzen lieber mit flauschigen Bierbäuchlein auf der abgetretenen Agora-Treppe herum - so wie man es von ganz normalen Tavernen-Alkis kennt. "Darum sehen sie auch ein klein wenig uncool aus", meint das Mädchen im weißen Faltenkleid und schiebt die beiden Püppchen gelangweilt und mit spitzen Fingern zurück.

Wir befinden uns im für Rosinen und verschnörkelte Säulen berühmten Korinth und sitzen neben Athena und Phevos im ziegelroten, marmorhellen Staub der Geschichte, exakt zwischen Alt-Korinths Agora und dem Heratempel. Soeben hinterlässt auch die Kleine im weißen Faltenkleid ihre frischen Abdrücke darin. Sie trägt eine Fackel und Sandalen mit silbrigen Riemchen und schwebt mit klassischer Nase und antikem Kostüm etwas steif zwischen ebenso steif geratenen Säulen hin und her. Olympiafeier ist angesagt: Eifrig züngelt das heilige Feuerchen in der klassisch schlichten Schale. Aus dem mitgebrachten Gettoblaster dröhnen eindrucksvolle Chöre.

Willig nehmen die auf Altgriechisch getrimmten Grazien den letzten Regieschliff der Lehrer entgegen, das heimische Publikum steht mit feuchten Augen zwischen den bühnenreif verstreuten Marmorblöcken herum. Schmachtende Mütter. Schnauzbärtige Opis. Eifersüchtige kleine Schwestern sowieso. Solche Szenen wiederholen sich dieser Tage in ganz Griechenland - wobei die vom Ort Olympia ausgestrahlte Fackelzeremonie eine vielfach kopierte choreografische Vorlage bietet.

Doch Olympia, der Ort, an dem alles begann, sportelte nie allein auf weiter Stadionflur. Auch das antike Korinth drängt sich als klassische Ölzweig-Location auf. Ebenso wie Nemea, Delphi. Wer beim richtigen Eselsohr der Altertumsliteratur nachschlägt, erwischt so auch das lose Ende einer ebenso einschlägigen wie abwechslungsreichen Griechenlandtour.

Sie führt in die Welt der Wagenrennen und Freestyle-Ringer, an Logenplätze mit Blick auf Olivenhaine in mitunter grandioser Lage. Agone genannte Spiele gab es Dutzende im Altertum. Kaum eine Polis, die nicht um Athleten und Triumphe buhlte. Doch manche der Sportfeste ragten aus dem Angebot heraus: Es waren die im gesamten Altertum weithin gerühmten Panhellenischen Spiele, die sich überregionaler Bedeutung erfreuten - und überdies zu den schönsten Ecken des Landes führen.

Wer Korinth an der Autobahn Richtung Tripolis links liegen lässt, nähert sich bei Nemea einer griechischen Landschaft wie aus dem Bilderbuch: tiefblauer Himmel, unter dem sich in der Ferne das dunkelgrüne Zypressen-Zickzack der arkadischen Skyline abzeichnet. Kugelige Ölbäume, die wie Nadeln in der Pinnwand in der hügeligen Landschaft stecken. Herkules, so heißt es in der Legende, habe hier den Löwen mit einer Keule erschlagen.

Heute ringen die Steinmetze in Nemea mit mannshohen Marmorscheiben, die wie riesige weiße Ziegenkäseräder vor dem zentralen Zeustempel in der Blumenwiese stehen. Arbeiterhandschuhe, Polierscheiben, gleich daneben eine vorübergehend abgestellte Götterstatue - Nemea, das am Ende jedes zweiten Sommers die Nemeen-Spiele unterhielt, verströmt anno 2004 den Reiz des Unfertigen.

Die Berge des zentralen Peloponnes musste wohl auch so mancher Olympia-Teilnehmer überqueren. Dahinter breitet nämlich die Mutter aller Sportbewerbe ihren grünen Schoß aus. Nicht zufällig wurde Olympia die große Nummer unter den sportiven Stätten der Antike. Der Alphios und der Kladeos, die im Tal von Olympia zusammenfließen, dabei das Wasser von einem Dutzend arkadischer Zuflüsse in die bewaldeten Feuchtgebiete verteilen, sorgten nämlich stets für Überfluss - und für rapiden Wechsel.

Als die berühmten Spiele längst schon wieder in Vergessenheit geraten waren, lange nachdem der byzantinische Kaiser Theodosius sie 393 n. Chr. mit Verbot belegt hatte, änderte sich zumindest am Ungestüm der Gewässer nichts: Im Mittelalter riss der Alphios einen großen Teil des hier errichteten Zeustempels und des Hippodroms mit sich.

Was sich auf Dauer hielt, sind Blütenteppiche, die sich wie rosarot-gelb gefleckte Läufer zwischen den umgestürzten Säulen, Mauerfundamenten und Tempelanlagen entrollen. Blühend entwickelt hat sich der Ort aber auch wegen seiner Lage im Westen des Peloponnes: Olympia bot sich als Treffpunkt der in Unteritalien, Sizilien und Afrika sesshaft gewordenen "Übersee"-Griechen aus den damals gegründeten Kolonien an. Bald schon traf sich hier "toute Grèce", und der Festivalort verwandelte sich jeden vierten Hochsommer zum wichtigsten Society-Event der Antike.

Wer hingegen das Stadion mit der dramatischsten Anlage sehen möchte, muss den Abstecher nach Delphi machen. Hier befindet sich Nummer vier im panhellenischen Grand-Slam-Quartett, dessen Phytien-Spiele auch Flötenspielduelle und Komikerturniere inkludierten.

Aber nicht nur: Wie Whirlpools eines heutigen Luxusresorts liegen die kreisrunden Becken des Gymnasions am Hang des Parnass-Massivs. Hier trainierten die Athleten, ließen sich massieren, salben, hätscheln, um am Tag der Tage Delphis Marmorstufen zum schönsten Stadion Griechenlands hinaufzugehen. Die Stufen der Rundtribüne erinnern auf Anhieb daran, dass sich der klassische Theaterbau und das Stadium zur gleichen Zeit entwickelt haben mussten.

Fast meint man, den Sand unter den Sohlen der Läufer aufknirschen, die Cheerleader in ihren gefältelten Tuniken kreischen zu hören. Aber Vorsicht, anno 2004 schreit in Delphi vor allem der Aufseher mit aufsässigen Gymnasiasten herum: "Diskuswerfen streng verboten. Frisbeespielen auch." (DER STANDARD, rondo/13/05/2004)

Von
Robert Haidinger
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