"Heidengeld" für analoges Fernsehen

16. Februar 2005, 13:20
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Wozu Digital-TV? In Graz läuft gerade der erste Testbetrieb Österreichs an - Ulrich Reimers im STANDARD-Interview - er koordiniert den Umstieg in Deutschland

Wozu Digital-TV? Ulrich Reimers koordiniert den Umstieg in Deutschland. Donnerstagabend berichtet er darüber bei einem Galasymposium in Graz. Dort läuft gerade der erste Testbetrieb Österreichs an. Als "Taubengrill" eignet es sich nicht, erklärte er dem STANDARD.

STANDARD: Wozu brauchen wir Digitalfernsehen über Hausantenne? Wir haben eine Unzahl von Programmen über Kabel oder Satellit.

Reimers: In den Haushalten steht eine Vielzahl von TV-Geräten, Kinderzimmer, Küche, weiß der Kuckuck, wo die Leute noch überall ihre Fernseher haben. Und die empfangen Programme häufig noch über diese kleinen Antennchen. Das wäre die erste Klientel. Die ist noch nicht so besonders sexy.

Wir positionieren Digitalfernsehen nun in Deutschland als Überallfernsehen.

STANDARD: Gewagt, wenn Sie es nur in Ballungsräumen anbieten. Auch in Österreich zeichnet sich ab, es nicht bis ins letzte Tal auszustrahlen.

Reimers: Überallfernsehen heißt: In den Versorgungsgebieten mit terrestrischem Digitalfernsehen können Sie es in jeder Lebenssituation haben. Es gibt Einsteckmodule für den Laptop, Taschengeräte. Es folgt Empfang im Auto und über Handheld. Sie ärgern sich maßlos, wenn Ihr Handy nach einer halben Stunde fernsehen leer ist und Sie nicht mehr telefonieren können. Also arbeiten wir an einer besonders energiesparenden Variante. Im puristischen Sinne haben Sie natürlich Recht. Wo bei uns RTL und Pro Sieben nicht mit terrestrischem Digital-TV hinwollen, da brauchen auch die öffentlich- rechtlichen ARD und ZDF nicht hin. Bei uns kauft keiner Empfänger für Digitalfernsehen, kann er damit RTL und Günther Jauch nicht sehen.

STANDARD: Haben ARD und ZDF keinen Grundversorgungsauftrag für die gesamte Bevölkerung wie der ORF?

Reimers: Doch. Sie müssen mit ihren Programmen erreichbar sein. Ob das über Satellit ist oder über terrestrischen Empfang, ist zweitrangig.

STANDARD: Das wäre wohl auch für Österreich ein ganz vernünftiger Gedanke, wenn man an die kostspielige ORF-Technik mit 500 Sendern denkt.

Reimers: Man muss sich den Versorgungsauftrag sehr genau anschauen. Wir haben's in Deutschland getan, auch mit Blick auf die Kosten. Ich bin in Deutschland in jener Kommission, die die Höhe der Rundfunkgebühren festlegt.

STANDARD: In Österreich entscheidet das der Aufsichtsrat des ORF ohne externe Stellen.

Reimers: Ich bin in der Kommission für Rundfunktechnik zuständig. Es gibt Dinge, die sollte man einfach nicht mehr machen, um von den Kosten einer analogen Versorgungsinfrastruktur wegzukommen. Die kostet ein Heidengeld.

Österreich könnte sich auch der Digitalisierung verweigern. Aber wenn alle anderen umstellen, werden auch die analogen Empfangsgeräte immer teurer, weil seltener.

STANDARD: Womit wir wieder bei den Vorteilen von Digitalfernsehen sind.

Reimers: Am 24. Mai schalten wir hier in Braunschweig analog ab und senden nur noch digital. Die Leute haben auf einen Schlag 16 statt sechs Programme über Antenne, im Herbst 24, weil digitale Technik mehr TV-Kanäle übertragen kann.

STANDARD: Ich brauche aber auch ein neues Empfangsgerät.

Reimers: Bei uns im Mediamarkt sehen Sie Empfangsgeräte für 99 Euro. Die haben sich nach ein paar Monaten amortisiert, wenn Sie damit Kabelgebühren einsparen.

STANDARD: Das bringt hier ja die Kabelbetreiber auf die Palme: Sie haben Unsummen in ihre Netze investiert, und nun wird die Einführung von Digitalfernsehen als Konkurrenz in Österreich auch noch gefördert.

Reimers: In Berlin bekamen von TV-Gebühren befreite Menschen Zuschüsse für die Empfänger. Dort gibt es seit Herbst 2003 kein analoges Fernsehen mehr. Kabelbetreiber konnten dennoch zulegen mit geschicktem Marketing: Ihr Fernsehsignal ist demnächst weg. Kaufen Sie neue Geräte oder nehmen Sie gleich Kabel?

STANDARD: Eine Kabelbetreiberin lässt uns auf einen Nebeneffekt hoffen: In Berlin gelte terrestrisches Digitalfernsehen als "Taubengrill".

Reimers: Die Senderleistung, die wir verwenden dürfen, beträgt ein Fünftel des heutigen analogen Fernsehens.

STANDARD: Also keine Reduzierung des Taubenbestands?

Reimers: Dazu müssen Sie sich Wanderfalken leisten, die sind dafür klasse. (DER STANDARD; Printausgabe, 13.5.2004)

Zur Person

Reimers war technischer Direktor der ARD und ist Dekan des Fachbereiches Elektrotechnik und Informationstechnik an der Uni Braunschweig. Er koordiniert die Einführung von Digitalfernsehen in Deutschland.

Die Fragen stellte Harald Fidler.

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