Die Blutschuld der Phrase - in der ÖNB

15. Juni 2004, 19:03
posten

"Die Teile und das Ganze", eine Ausstellung des Literaturarchivs zur literarischen Moderne in Österreich

"Die Teile und das Ganze. Bausteine der literarischen Moderne in Österreich" heißt die Ausstellung des Österreichischen Literaturarchivs der Nationalbibliothek, die bis September im Prunksaal der Nationalbibliothek zu sehen sein wird. Am Beispiel von sechzehn Autorinnen und Autoren untersucht sie Lust und Mühen der Arbeit im Steinbruch Text.


Fünf: eine auffallend niedere Primzahl an Sinnen, nicht mehr als die Finger an einer Hand. Dazu ein das Ganze koordinierender Verstand, dessen Volumen im Schädelinnenraum Platz finden muss. Eine dürftige Ausrüstung bringt der Mensch mit, die Welt zu erfassen.

Kein Wunder, wenn ihn vor diesem Anspruch mitunter Unruhe erfasst. - Und wenn ihm, im Eifer des Strebens, der eine oder andere Fehler unterläuft. Ein treffendes Bild für die Beschränktheit menschlicher Perspektive findet der Religionsphilosoph Alan Watts in seinem Buch "The Book: On the Taboo Against Knowing Who You Are". Watts vergleicht den forschenden Menschen mit jemandem, der noch nie eine Katze gesehen hat, und der nun durch eine schmale Ritze in einem Zaun blickt, auf dessen anderer Seite eben ein solches vierbeiniges Pelztier vorbeistolziert:

"Er sieht zuerst den Kopf, dann den weniger ausgeprägt geformten pelzigen Rumpf, dann den Schwanz. Außerordentlich! Die Katze kehrt um und stolziert zurück, und wieder sieht er den Kopf und etwas später den Schwanz. Diese Abfolge beginnt, ihm als regelgerecht und vertrauenswürdig zu erscheinen. Die Katze kehrt zurück und wieder wird er Zeuge der gleichen Abfolge: erst der Kopf, später der Schwanz. Woraus er den Schluss zieht, dass das Ereignis ,Kopf' unveränderlich und notwendig die Ursache ist des Ereignisses ,Schwanz', und Letzteres Wirkung des Ereignisses ,Kopf'".

Um den miauenden Katzenkörper der Welt in untersuchbare Einzelteile zu zerlegen, ersinnt der findige Zaungucker Koordinatenraster, Forschungsgebiete und -subgebiete, er schneidet und säbelt, montiert und misst. Weiß Neues, vergisst Altes - und stirbt doch noch immer. Was ihn nachhaltig verunsichert. Zumal, seit er, mit dem Verlust eines gesicherten Gottesbildes, als isolierter Splitter in dem Weltganzen steckt.

Eine Befindlichkeit, die, wie man weiß, nicht ohne Konsequenzen blieb für die Kunst. Zumal in der Literatur des zwanzigsten Jahr-hunderts scheint der umfassende Weltentwurf, wie ihn das neunzehnte Jahrhundert in seinen großen Romanen noch behaupten konnte, zum Scheitern verurteilt. Das Fragment, bereits in der Romantik formaler Ausdruck des Zerfalls klassischer Vollkommenheit und metaphysischen Grauens, wird fester Bestandteil des ästhetischen Vokabulars der Moderne.

Die Zersprengung des Ganzen in seine Einzelteile ist überdies Grundlage jener Kunst, deren Anfänge sinnfällig den Beginn eines neuen Jahrhunderts markieren: des Films. Dessen Technik - die Zerlegung von Bewegungsabläufen in Einzelbilder, die Zergliederung und Neumontage des Materials - blieb nicht ohne Wirkung auf die Formsprache der Literatur. Kaum ein Autor des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts, in dessen Werk sich nicht kinematografische Reflexion wie ein roter Faden verfolgen ließe.

Auffallend ist zudem der herausragende Stellenwert, den das Fragment zumal in der österreichischen Moderne behauptet. Historische Bruchstellen wie das Auseinanderbrechen der Habsburgermonarchie 1918 mögen in diesem Zusammenhang eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Ob Zerstörung des metaphysischen Weltbildes, industrielle Zerlegung der Welt in ihre Bestandteile, ästhetische Montage oder historische Sprengungsprozesse - was auch immer nun die Ursache gewesen sein mag, (oder ob die Frage nach ursächlichen Zusammenhängen doch nur kopfgeschwänzte Katzen-Ungetüme des Denkens hervorbringt), die Rolle des Fragments in der österreichischen Literatur der Moderne lohnt eine Betrachtung. Eine Aufgabe, der sich nun das Österreichische Literaturarchiv der Nationalbibliothek angenommen hat.

Bernhard Fetz und Klaus Kastberger haben die Ausstellung "Die Teile und das Ganze. Bausteine der literarischen Moderne" in Österreich zusammengestellt, die nun im Prunksaal der Nationalbibliothek zu sehen sein wird. Das Hauptaugenmerk der Ausstellung, die im barocken Vollkommenheitsanspruch des Prunksaals einen spannungsreichen Gegenpol findet, richtet sich direkt auf die Arbeit der Autoren am Text selbst.

So hinterließ Robert Musil mehr als 6000 Manuskriptseiten zum "Mann ohne Eigenschaften", von denen rund ein Drittel allein der Reflexion über die Planung des Textes, seine Konstruktion und deren Kommentierung zuzurechnen ist. Hermann Brochs Versuch der Neuerschaffung eines säkularisierten Mythos verlangte nach unermüdlicher Erkenntnisarbeit auf unbegrenzbar vielen, immer neuen Wissensgebieten, verlangte Korrektur und wieder Korrektur.

Bei nahezu allen diesen Autoren der Moderne sind es die großen, die Romanprojekte, denen das Scheitern, das zwangsläufig Unvollendete inhärent zu sein scheint. Ob Franz Kafkas drei Romane, ob Ingeborg Bachmanns ausgedehntes Todesarten-Projekt, sie alle blieben, nicht allein durch den frühen Tod der Autoren, Fragment. Konrad Bayers Skeptizismus verknüpft mit jeder sinnlichen Wahrnehmung der Welt, deren Reflexion ebenso wie die Reflexion der Reflexion. Endlose Reihen.

Einzig Heimito von Doderer behauptet mit seinen großen Romanwerken in diesem Zusammenhang die Gegenposition, die Möglichkeit der gültigen Aussage über die Welt. Eine Aussage, die bezeichnenderweise nach Umschreibung verlangte. Sollte der Roman "Die Dämonen" in einer frühen, abgeschlossenen Fassung des 1933 in die NSDAP eingetretenen Doderer noch "Die Dämonen der Ostmark" heißen und trug deutlich antisemitische Züge, schrieb Doderer das Buch in den Fünfzigerjahren reuig um, an den Figuren seine eigenen Denkfehler von einst bloßlegend.

Die Arbeit am Steinbruch Text, als Abarbeiten an der Möglichkeit einer gültigen Wahrnehmung von Welt - anhand der Texte von 16 Autorinnen und Autoren der österreichischen Moderne, von Karl Kraus bis zu Heimrad Bäcker, ist sie nun in der Nationalbibliothek zu studieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.5.2004)

Von Cornelia Niedermeier

Service

"Die Teile und das Ganze. Bausteine der literarischen Moderne."

Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien, 1., Josefsplatz 1. Bis 30. September, tgl. 10-16, Do 10-19

Link

Share if you care.