Ausweisung eines US-Journalisten aufgeschoben

20. Juli 2004, 15:16
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"New York Times"-Artikel über Präsident Lulas angebliches Alkoholproblem sorgt für Aufregung

Rio de Janeiro - Ein Richter des obersten brasilianischen Gerichtshofs hat dem US-Journalisten Larry Rohter am Donnerstag den vorläufigen Verbleib in Brasilien gestattet. Die befristete Genehmigung gelte bis zu einem endgültigen Urteil über die Rechtsmäßigkeit von Rohters Ausweisung durch die brasilianische Regierung. Diese hatte den Korrespondenten der "New York Times" des Landes verwiesen, nachdem er Präsident Luiz Inacio "Lula" da Silva in einem Artikel übermäßigen Alkoholkonsum bescheinigt hatte und die Trinkgewohnheiten des Staatschefs mit dessen politischen Fehlentscheidungen in Zusammenhang gebracht hatte.

Der Präsident zeigte sich am Donnerstag zu einem Einlenken bereit. Die Ausweisungsverfügung könne zurückgenommen werden, wenn die Zeitung oder der Journalist die Angaben widerriefen. Die US-Regierung sowie Menschenrechtsgruppen hatten die Ausweisung scharf kritisiert.

"Ehre des Präsidenten verteidigen"

Der persönliche Sekretär des Präsidenten, Gilberto Cavalho, kündigte nach Angaben der brasilianischen Zeitung "O Estado de Sao Paolo" ein rechtliches Vorgehen gegen Rohter an. "Das ist kein Journalismus, das ist Verleumdung", meinte Cavalho.

Der "New York Times" zufolge habe Lula "nie seine Vorliebe für ein Glas Bier, Whiskey oder besser noch für Cachaca (ein starkes brasilianisches Getränk aus Zuckerrohr) verheimlicht". Unterdessen, so heißt es in dem Artikel laut "O Estado de Sao Paolo", begännen sich einige Brasilianer zu fragen, ob die Vorliebe des Präsidenten für starke Getränke seine Amtausübung beeinflusse.

"Ich habe ihn vor destillierten Getränken gewarnt"

Der "New York Times"-Autor, Larry Rohter, schrieb, in den vergangenen Monaten sei Lulas Regierung von einer Krise in die andere getaumelt - von Korruptionsskandalen bis zum Scheitern wichtiger Sozialprogramme. Der Präsident habe immer mehr die schwierigen Aufgaben seinen Mitarbeitern überlassen. Vermutet werde, dass sein "offensichtlich geringes Engagement und seine Passivität" im Zusammenhang mit seinem "Appetit auf Alkohol" stehen könnten.

Obwohl eine wachsende Zahl von Politikern und Journalisten hinter vorgehaltener Hand über den Alkoholkonsum Lulas spekuliere, trauen sich dem Artikel zufolge nur wenige ihren Verdacht in der Öffentlichkeit zu äußern. Eine Ausnahme bilde der prominente Linkspolitiker Leonel Brizola, Lulas Ex-Weggefährte und inzwischen erbitterter Gegner, der von der "New York Times" mit folgenden Worten zitiert wird: "Ich habe ihn gewarnt, dass destillierte Getränke gefährlich sind, aber er hat nicht auf mich gehört. Und nachdem was gesagt wird, trinkt er weiter."

Grund zur Sorge

Die "New York Times" zitiert ferner einen Bericht in dem brasilianischen Magazin "Veja", in dem es heißt, Lula habe sich zum wichtigsten Werbesprecher für die Getränkeindustrie entwickelt. Gleichzeitig empfiehlt der "Veja"-Autor dem Präsidenten, lieber nicht mehr in der Öffentlichkeit zu trinken.

"Peinliche Ausrutscher Lulas"

In der "New York Times" wird weiters von peinlichen Ausrutschern Lulas in der Öffentlichkeit berichtet. So habe Lula den Präsidenten von General Motors mit dem Chef von Mercedes-Benz verwechselt und das fehlerhafte Portugiesisch syrisch-libanesischer Einwanderer imitiert. Bei einem Besuch in der Hauptstadt von Namibia, Windhuk, habe der frühere Gewerkschaftsführer gemeint, er glaube gar nicht, in Afrika zu sein, so sauber sei es hier.

Mitarbeiter von Lula verteidigen den Präsidenten und meinen, solche Ausrutscher seien die Ausnahme und würden von einem Mann kommen, der gerne improvisierte Reden halte. Dies stehe jedoch in keinem Zusammenhang mit seinem Alkoholkonsum, der "sehr moderat" sei. Die Anschuldigungen gebe es wohl auch deshalb, weil er das erste Staatsoberhaupt Brasiliens sei, das der Arbeiterklasse entstamme. Lula war als Hoffnungsträger der Armen im Oktober 2002 zum Präsidenten gewählt worden. Inzwischen ist die Ausweisung auch in den brasilianischen Medien zum Thema geworden, "O Estado de Sao Paulo" widmet der "Polemik um den NYT-Artikel über Lula und den Alkohol" sogar eine Sonderseite samt Forum. (red/APA)

Links

Expulsion of journalist gives Brazil a headache
in den "Financial Times"

Brazilian Leader's Tippling Becomes National Concern
in der "New York Times"

Ministro do STJ concede salvo-conduto a jornalista do NYT
in "O Estado de Sao Paulo"

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