Der geteilte Sehnsuchtsort

24. Mai 2005, 16:36
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Zypern, wo die Türken im Norden und die Griechen im Süden leben. Ihre Vereinigung in der EU ist gescheitert - von Karl-Markus Gauß

Tausende Türken und Griechen haben ihre Heimat verlassen, seit Zypern 1974 geteilt wurde. Einer von ihnen ist der türkische Zypriote Ömer, genannt Nikos, der als Kellner in Salzburg arbeitet. Von Karl-Markus Gauß

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In dem griechischen Gasthaus, das ich manchmal in Salzburg besuche, waltet ein würdiger Herr als Kellner seines Amtes. Er sieht aus, wie man sich früher einen Schuldirektor vorgestellt hat, und behandelt die Gäste mit nachsichtiger Strenge, sodass sie sich an ihn gerne in der Rolle von beflissenen Schülern wenden. Wer gerade seinen Urlaub auf Chios oder Samos hinter sich hat, versucht die paar griechischen Worte, die er sich gemerkt hat, beim Bestellen von Speisen und Getränken ein bisschen streberhaft loszuwerden, und der Herr Direktor nimmt solche Bekundungen eines weltläufigen Provinzlertums mit unerschütterlich milder Miene zur Kenntnis.

Ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich dahinter gekommen bin, dass der Herr Direktor selber nicht viel besser Griechisch spricht als seine Gäste, die an ihm so gerne ihr Urlaubsgriechisch erproben. Er heißt nämlich gar nicht Nikos, wie ihn alle nennen, die von ihm als Stammgäste wiedererkannt werden wollen, sondern Ömer. Er ist auch kein Grieche, sondern Türke, genauer: ein türkischer Zypriote. Und eigentlich war er auch nicht Kellner, sondern Lehrer.

Aber 1974 besetzte die türkische Armee den Norden Zyperns, vertrieb rund 200.000 Griechen aus ihren Dörfern und Städten und errichtete in diesem Landesteil ein Protektorat, das wirtschaftlich rasch herunterkam. Wie immer, wenn ein Gebiet ethnisch gesäubert wird, verfiel die Region, weil jene, die sich in den Besitz der Vertriebenen setzten, mit diesem nichts Rechtes anzufangen wussten. So war es eine Folge der türkischen Invasion, dass es den Türken ohne die Griechen bald viel schlechter ging als vorher, als sie mit den Griechen konfliktreich zusammenlebten und von deren Führern, was man als Vorgeschichte der Invasion nicht vergessen darf, ein ums andere Mal um ihre Minderheitenrechte betrogen wurden.

Weil das Land, in dem das türkische Militär regierte, rundum verarmte, sahen auch viele türkischen Zyprioten bald keine Zukunft mehr in jenem Staat, der auf Geheiß der Regierung von Ankara bald den Namen "Türkische Republik Nordzypern" erhielt. Nachdem 200.000 Griechen vertrieben worden waren, machten sich nach und nach 100.000 türkische Zyprioten auf den Weg, verließen ihre national purifizierte Heimat, um in London oder Rotterdam zu arbeiten und von der Sonne Zyperns zu träumen. Oder sie kamen nur bis Salzburg wie Ömer, der türkische Lehrer, der Kellner in einem griechischen Gasthaus wurde.

Mit den Griechen, die in diesem Gasthaus mit ihm arbeiten, und von denen einige allerdings Albaner und Algerier sind, versteht er sich ausgezeichnet; sie sind ja alle das, was man Wirtschaftsflüchtlinge nennt, und sie sind alle nicht hierher gekommen, weil sie von der Schönheit der Festspielstadt gehört hatten, sondern weil es sie, aus verschiedenen Ländern und verschiedenen Berufen, ausgerechnet nach Österreich und in die Gastronomie verschlagen hat.

Zuwanderung

Von Politik will Nikos, der Ömer heißt, nicht viel wissen; dass er sich nach Zypern sehnt, lässt er auf seine zurückhaltende Art nur erkennen, wenn man ihn an einem kalten Tag in trauriger Stimmung erwischt. Aber das Zypern, das er meint, gibt es nicht mehr. In Nordzypern fehlen ihm nicht nur die Griechen, mit denen er als Jugendlicher gerauft hat, sondern auch die Türken, mit denen er aufgewachsen ist. Die Entvölkerung Nordzyperns durch die Vertreibung der Griechen und die Emigration der Türken hat Rauf Denkta¸s, der Führer der "Türkischen Republik Nordzypern", durch eine forcierte Zuwanderung von Türken aus Anatolien wettzumachen versucht.

Nicht dass Ömer, der Zypriote, etwas gegen Türken hätte oder er die Anatolier als rückständige Leute betrachten würde; er kommt ja auch mit der Gruppe griechischer Kellner und Köche aus Albanien und Algerien bestens aus. Aber das ist eine Gemeinschaft in der Fremde, und die Heimat, nach der er sich manchmal sehnt, existiert nicht mehr, es leben dort jetzt andere Menschen, und zu viele von denen, die vorher dort gelebt hatten, sind vertrieben oder geflohen.

Ömer, den alle Nikos nennen, interessiert sich nicht besonders für Politik. Aber dass das aberwitzig spät angesetzte Referendum, mit dem die Zyprioten eine Woche vor dem Beitritt zur Europäischen Union darüber zu entscheiden hatten, ob die Insel geteilt bleiben oder wiedervereinigt werden solle, so ausging, wie es zum Entsetzen der Strategen in Brüssel ausging, hat er mir fast auf den Prozentpunkt exakt vorausgesagt. Natürlich, die Insel muss wiedervereinigt werden! Aber sie kann nicht von außen wiedervereinigt werden und nicht unter dem gewaltigen Druck der Beschleunigung, den die Europäische Union ausgeübt hat, um einen Konflikt durch die Macht der Geschwindigkeit weniger zu lösen, als einfach für nichtig zu erklären. Als stünde das Projekt der riesigen, fast eine halbe Milliarde Menschen zählenden Union auf dem Spiel, wurden die seit dreißig Jahren staatlich getrennten Türken und Griechen der Insel zu eiligen Verhandlungen bestellt, in denen bis tief in die Nacht darum gefeilscht wurde, ob nun 18 oder 21 Prozent der einst aus dem türkischen Teil vertriebenen Griechen in den nächsten zehn oder doch erst nach vierzehn Jahren in den Norden zurückkehren dürfen. Ömer ist dafür, dass alle Vertriebenen zurückkehren dürfen, selbstverständlich. Aber kann man nach dreißig Jahren die türkischen Zyprioten wieder aus den Häusern und von den Feldern vertreiben, die sie mittlerweile als die ihren betrachten? Und was soll man mit den Anatoliern machen, die ins Land geholt wurden - sie einfach wieder zurückschicken?

So schnell, wie sich das ein paar kluge Leute an Konferenztischen ausgedacht haben, wird das mit Zypern nicht gehen, meint Nikos. Die britische Kolonialmacht hat immerhin fast ein ganzes Jahrhundert gebraucht, bis sie die türkischen und die griechischen Bewohner der Insel einander so entfremdet hatte, dass in diesen jedes Bewusstsein eines gemeinsamen Zypriotentums zerstört war. Von 1878 bis 1960 haben die Briten ihre militärischen und ökonomischen Ziele konsequent dadurch befördert, die beiden Volksgruppen aufeinander zu hetzen. Jetzt hat sich die Situation geändert, und wie die Großmächte die längste Zeit an einem Zypern interessiert waren, in dem sich die beiden Volksgruppen gegeneinander ausspielen ließen, ist ihnen die Insel jetzt ein Risiko, eben weil sich dort verfestigt hat, was Europa auf Zypern die längste Zeit angestrebt hatte: ein innerlich zerrissenes Land, über das man gerade deswegen besser herrschen konnte. Ob er die Wiedervereinigung noch erleben wird, frage ich ihn. Ach, meint Ömer da, wir werden noch viel erleben, vielleicht auch, dass die Zyprioten tun, was ihnen über Generationen ausgetrieben wurde, sich nämlich nicht als Türken oder Griechen, sondern als Zyprioten zu fühlen. Zypern ist das einzige Land der Erweiterungszone, in das ich nie gekommen bin. Das ist ein schweres Versäumnis, tadelt mich der Herr Direktor, der aber selbst nicht weiß, ob er je nach Zypern zurückkehren wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.5.2004)

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Karl-Markus Gauß, Jahrgang 1954, beschäftigt sich als Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik" sowie als Buchautor seit zwanzig Jahren mit den Rändern Europas. Zuletzt fand sein Buch "Die Hundeesser von Svinia" über die Ärmsten unter den Roma der Slowakei (Zsolnay Verlag, 2004) große Beachtung.

Aus Anlass der EU-Erweiterung um zehn Staaten hat der Standard einen speziell an dieser Thematik interessierten österreichischen Schriftsteller eingeladen, diese in subjektiven Reisereportagen abseits der Hauptrouten zu beschreiben.

Der 10. Teil führt nach Zypern, wo die Türken im Norden und die Griechen im Süden leben. Ihre Vereinigung in der EU ist gescheitert

  • Am Ufer des Salzsees in der Nähe des Flughafens Lárnaca liegt die Chala Sultan Tekke. Die Moschee ist eines von vielen Beispielen für die Koexistenz von Christentum und Islam auf der Insel.
    foto: sonja fercher

    Am Ufer des Salzsees in der Nähe des Flughafens Lárnaca liegt die Chala Sultan Tekke. Die Moschee ist eines von vielen Beispielen für die Koexistenz von Christentum und Islam auf der Insel.

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