Die eigenen vier Wände

20. Oktober 2005, 13:56
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Wohnen in New York: Mietwohnung statt Hotelzimmer.

Das Taxi hält an der Upper East Side. In der Lobby des Skyscrapers erwartet uns die Vermieterin. Das Apartment in der 24. Etage hat Panorama-Blick über den East River und bis hinunter zum Chrysler Building. Im Dachgeschoß befinden sich der geheizte Swimmingpool und das verglaste Fitneß-Center. Die Räume unserer möblierten Zwei-Zimmer-Wohnung sind großzügig geschnitten, die Einrichtung ist praktisch, wenn auch nicht ganz nach unserem Geschmack. Doch für die spektakuläre Aussicht und die vielen Extras nehmen wir die schwarzen Ledersofas und die Blümchendecke auf dem Messingbett gerne in Kauf. Eine Klimaanlage hält die Wohnung auch bei hochsommerlichen Temperaturen angenehm kühl. Und damit das Apartment so sauber bleibt, wie wir es angetroffen haben, sorgt einmal die Woche eine Putzfrau. Kostenpunkt dieser Nobelherberge (inklusive Reinigungsdienst, Gratis-Benützung von Pool und Fitneß-Center, Wäsche, Fax, Anrufbeantworter und lokalen Telefongebühren): 3500 Dollar monatlich. Das sind knapp 120 Dollar pro Tag - ein Preis, für den es auf Hotelebene (fast) nur noch eine schmuddelige Schuhschachtel mit Mauerblick gibt.

Ein paar Monate später: Das Taxi hält diesmal vor einer Mansion am Central Park West. Am Hauseingang erwartet uns niemand, den Wohnungsschlüssel mußten wir ein paar Blocks weiter abholen. Schwitzend schleppen wir unsere Bagage durch das steile, vergammelte Treppenhaus - nicht in die zweite Etage, wie von der Vermittlungsagentur vermutet, sondern in die vierte unterm Dach. Als wir die Wohnungstür öffnen, stürzt uns eine Wand schwüler Hitze entgegen. Auf dem Tisch ein Rundbrief an die Mieterschaft: Neulich sei eine Mitbewohnerin überfallen worden. Zudem hätten zwei Obdachlose den Hauseingang zu ihrem Eßplatz umfunktioniert. Am barocken Wandspiegel im Vestibül der handschriftliche Hilferuf einer Mieterin: Ihre Wohnung beherberge neuerdings mottenähnliches Getier; Nachdem sich die Zimmertemperatur trotz laut scheppernder Klimaanlage auch am zweiten Tag nicht unter 32 Grad senken läßt und fette Küchenschaben durch die Kochnische huschen, ist unsere Abenteuerlust fürs erste gestillt: Wir packen unsere Siebensachen und verlassen das 90-Dollar-Apartment fluchtartig - trotz der geschmackvollen Jugendstil-Einrichtung.

Zwei atypische Beispiele. Das Gros der möblierten Wohnungen in Manhattan liegt nach unseren Erfahrungen irgendwo dazwischen. Doch ob sie nun von ihren Eigentümern nur temporär oder das ganze Jahr über an Fremde vermietet werden: Fast allen gemeinsam ist, daß sie wesentlich billiger sind als Hotels mit vergleichbarem Standard. Anständige Studios gibt es ab 90 Dollar die Nacht, One-Bedroom-Appartments (2-Zimmer-Wohnungen) ab 100 Dollar. Etliche dieser Unterkünfte haben Ausziehsofas mit Platz für zusätzliche ein, zwei Personen. So reduziert sich der Preis pro Tag und Kopf im obigen Beispiel noch auf lächerliche 25 Dollar.

Doch budgetfreundlich sind nicht nur die reinen Mietkosten, sondern auch die vielen kleinen Vorteile: angefangen vom Frühstück über die Telefongebühren bis hin zum Drink zwischendurch. "In Hotels kostet ja schon eine Tasse Kaffee ein paar Dollar", gibt Tina Oms, Chefin der Vermittlungsagentur Maison International, zu bedenken.

Ein Pluspunkt ist auch die Vielfalt der Wohnlagen: Während sich New Yorks Hotelangebot weitgehend auf die Stadtmitte konzentriert, sind möblierte Apartments über die Quartiere ganz Manhattans verstreut. Statt im Touristen-Ghetto lebt sich's so hautnah mit New Yorkern. Ob ein einfaches Studio im Greenwich Village oder ein schickes Penthouse an der Park Avenue - wer sich rechtzeitig vor der Abreise auf die Suche nach einer passenden Unterkunft macht, wird garantiert fündig: in Zeitungen, im Internet oder über spezialisierte Agenturen. Einige Anbieter - etwa Maison International - zeigen Interessierten Fotos ihrer Apartments sogar übers Internet. Andere - wie Urban Ventures - beschreiben ihre Offerte kurz per Fax. Dritte wiederum - zum Beispiel New World - setzen ganz aufs individuelle Gespräch: "Wir geben sehr viel Geld fürs Telefonieren aus", meint Co-Chef David Ehrlich, "denn wir sind immer sehr redlich in dem, was wir den Leuten erzählen."

Eine gesunde Portion Toleranz kann dennoch nicht schaden. Denn über über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten. So erhielten wir zwar für die fluchtartig verlassene Dachwohnung am Central Park unverzüglich eine saubere und sichere Ersatzwohnung in Midtown gestellt. Doch statt in ausgesuchten Antiquitäten lebten wir fortan in einem Sammelsurium von Nippes und Trockenblumen; anstelle von echten Chagals und Jugendstilspiegeln hingen Büffelschädel und zahllose Konterfeis der Wohnungsbesitzer an den Wänden. Einzig mit dem Schmuck hielten es die Vermieterinnen beider Wohnungen gleich: Sie ließen ihn offen in einer Schatulle neben dem Bett liegen - und das mitten im Großstadtmoloch New York.

Von Rita Schwarzer und Peter Métraux
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