Jenseits der Gefängnis-Insel

19. Juli 2007, 14:40
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San Francisco, die Metropole im Westen der USA, hat einiges mehr zu bieten als Cable Car und Gefängnistouren.

Die Stadt der vierzig Hügeln gezogen, wo Lebensgefühl. Das berühmte bucklige Gelände sorgt nämlich nicht nur für spektakuläre Neigungswinkel bei Autoverfolgungsjagden und das charakteristische Stadtbild, sondern bestimmt im Zusammenspiel mit ozeanischen Winden das Mikroklima. Eine frische Brise vom Pazifik her mildert heiße Temperaturen und bringt über den Austausch von Luftmassen jenen Nebel, der die orangenfarbene Golden Gate Bridge genau dann weiß ummantelt, wenn für Erinnerungsfotos posiert werden soll.

Es muß allerdings neben der Topographie noch eine Reihe anderer Faktoren geben, die für die fast magnetische Anziehungskraft San Franciscos mitverantwortlich sind. Ein anhaltender Zustrom von Menschen und Kulturen belegt die vorherrschende osmotische Wirkung. Jeder vierte Einwohner ist fernöstlicher Herkunft und San Francisco damit die asiatische Hauptstadt der USA, was vor allem im lärmigen, schillernden Chinatown ohren- und augenfällig wird. Das ehemalige Ghetto entwickelte sich zur berühmten Attraktion, von Touristen wegen günstiger Angebote am Elektroniksektor, einer Riesenauswahl von Ginsengprodukten und Dim Sum Restaurants angesteuert. Genauso pflegen die einzelnen Volksgruppen – ob aus Korea, Vietnam, Thailand, Japan, Irland, Italien oder Schottland – ihr Kulturerbe und Geschäftsleben.

Und nach wie vor weht ein Hauch der Hippiekultur aus den Sechzigern durch die Stadt. Diese formierte sich damals in den Straßen Asthon und Haights. Mittlerweile avancierte der Distrikt zur Pilgerstätte für nostalgische Antikonformisten. Lange Haare und runde John-Lennon-Brillen sind zwar immer noch zu sehen, im wesentlichen haben sie aber konventioneller Kleidung und Obdachlosen Platz gemacht. Der Verkauf von Wasserpfeifen, Stirnbändern und anderen Flower-Power-Accessoires entlang der Straßenzüge erinnert noch an jene glorreiche Zeit. Und im Golden Gate Park, wo Janis Joplin und Jim Morrison mit den Doors Konzerte gaben, ist jetzt statt rauchiger Bluesstimmen vermehrt das schwere Atmen joggender Geschäftsleute oder ein intellektueller Disput zu hören.

Generell fühlt man sich hier selbstverständlich intellektueller als in L.A., von dem man sich in Gesprächen schon im Einleitungsstatement distanziert. Vielleicht überträgt sich die um die Stadt akkumulierte Intelligenz infektiös auf das Bewußtsein der Bevölkerung: Gleich um die Ecke liegen die universitäre Kaderschmiede von Berkeley und das Goldgräbertal Silicon Valley. Zuletzt ist auch noch die Nähe des Mental Research Institutes in Palo Alto zu spüren, wo Paul Watzlawik seine ausgetüftelten Thesen niederschreibt. (Der Standard, Printausgabe)

Von Hans-Peter Hutter
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