Baywatch Blues

19. Juli 2007, 14:39
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Verregnet - der Blues und das andere Gesicht von Venice Beach.

Karl Fluch

Schon der Name löst Assoziationen aus, in denen das Wasser nicht vom Himmel fällt, sondern einzig in Wellenform an den Strand gespült kommt. Akzeptiert wird es ansonsten gerade noch im Sommer als Strahl aus einem Schlauch zwecks Bewertung nasser T-Shirts und der sich darunter abzeichnenden Trägerinnen. Venice Beach! Der Name verpflichtet zu immerwährendem Sonnenschein. Sonne tragen die Bewohner von Los Angeles sichtbar in ihre Haut eingebrannt. Nirgendwo auf der Welt scheint die körperliche Perfektion, die zur Schau gestellte positive Lebenshaltung und das muskelspielend unterstützte Lächeln mehr Daseinspflicht zu sein als in dieser Stadt. Jeder joggt, jeder skatet, geht ins "Gym". Jeder hat Spaß.

Und doch gibt es Tage, die mit wenigen Wolken, ein paar Tropfen Regen und einer kühlen Brise diese dünne Oberfläche perforieren, und plötzlich taucht eine andere, wirkliche Wirklichkeit auf. Plötzlich versteht man, warum Ted Hawkins hier den Blues kriegen konnte. Den Blues? In Venice Beach? Genau. Ted Hawkins wurde hier vom Blues nicht nur heimgesucht, er hat ihn vor allem hier gespielt und damit seine eigene uramerikanische Geschichte geschrieben. Der 1936 geborene Hawkins saß mit seiner Gitarre gut dreißig Jahre als Straßenmusiker hier am Strand. Im Laufe der Jahrzehnte veröffentlichte er die eine oder andere Platte für kleine Labels. Denn wache Music-Scouts konnten ob der wunderbaren Soul-, Country- und vor allem Blues-Mischung, die er mit seiner gottgegebenen Stimme einzigartig vortrug, nicht an Hawkins vorbeikommen. Aber es sollte bis 1994 dauern, bis Hawkins das monolithische Album The Next Hundred Years aufnahm. Damit sang sich der damals 58jährige weltweit in steinerne Kritikerherzen genauso wie in die seines rasch größer werdenden Publikums. Hawkins hatte es spät, aber doch geschafft. Blues also einmal abseits des Mississippi-Deltas, nicht aus Memphis oder Chicago. Blues aus dem Golden State.

Der ist an solch trüben Februartagen mannigfaltig ortbar: Kein Bay-Watch-Schönling, der seinen hantelgepeinigten Badewaschl-Körper zur Schau trägt. Nur dessen verwaistes Pfahlhäuschen erinnert überhaupt an seine Existenz - an Sonnentagen. Dafür harren am sauberen Sandstrand Legionen von Trash-Cans ihrer nächsten Fütterung, während das Volleyball-Netz eine "Sinnkrise" erfährt: Kein Mensch spielt heute. Die wenigen Street-Entertainer, die an schönen Tagen massenweise die Promenade füllen, bedürfen besonderer Extravaganz, um den wenigen Touristen kurze Momente ihrer Aufmerksamkeit abzutrotzen. Von Dollars ganz zu schweigen. Dafür treten jene Figuren besonders in Erscheinung, die man sonst gerne übersieht: die Homeless-People. Sie karren ihre Habseligkeiten die Hausmauern entlang. Das milde Klima Kaliforniens zieht gerade auch Menschen an, die kein Dach überm Kopf haben.

Und da kann man sich plötzlich Ted Hawkins gut vorstellen, der hier irgendwo gesessen ist und den Soundtrack dazu besorgte. Hawkins hatte es geschafft. Wenn auch nur kurz: Noch im Jahr seines Erfolgs erlag er kurz nach Weihnachten einem Herzinfarkt.

© DER STANDARD, 2. April 1999 Automatically processed by COMLAB NewsBench

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