Stark an der Schmerzgrenze

1. Juni 2004, 12:28
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Eine Betrachtung

Nachdem ich platzgenommen habe, betrachtete ich neugierig die Bühne.
Im Halbkreis aufgestellte Tische, ein paar Gläser, im Hintergrund zwei riesige Fahnen mit Hakenkreuz, die wie zwei Wachposten links und rechts prangten.
Wumm!

Natürlich schreckte auch ich hoch, als die Tür zugeknallt wurde und ein großer Mann in Uniform mit schnellen energischen Schritten und grimmigem, aber entschlossenem Gesicht, in Richtung Bühne schritt.
Dies war der Anfang des wahrscheinlich bestürzendsten Schauspiels, das ich bis jetzt gesehen habe und ich befand mich inmitten der Wannseekonferenz. Die Schauspieler stellten ihre Rollen mit vollster Gestik und Mimik so überzeugend dar, dass in mir richtiggehend Wut über diese Personen und deren schlimmen Gesprächsinhalte emporstieg.

Nicht selten musste ich mir sagen, dass dies nur Schauspieler seien und dies nicht echt. Aber es war echt! Dies war ja schließlich nur eine Nachspielung von einer echten Konferenz, die über das Leben hunderttausender Juden abstimmte. Die Witze, die diese Personen dabei noch machen konnten und damals anscheinend witzig waren oder der Belustigung dienten, brachten mir viel mehr das Gefühl von Übelkeit und wieder diese Wut.

In diesem Fall richtete sich die Wut ganz klar auf diese Personen wenige Meter vor mir. Doch an wen richtete sich die Wut früher? Gab es diese Wut überhaupt? Dieses, ich trau mich kaum das Wort Theaterstück zu verwenden, da dies alles so überzeugend und authentisch inszeniert und gespielt wurde, warf sehr viele Fragen in mir auf und zwang mich über die dunklen Kapitel unserer unmittelbaren Vergangenheit nachzudenken.

Besonders schockiert hat mich die Tatsache, dass niemals zur Debatte stand, ob es jetzt zur Endlösung, sprich zu der Ermordung und nicht nur zu Deportationen der Juden, kommen soll, oder nicht.
Nein, man stritt eigentlich nur um die endgültige Zahl und ob Halbjuden oder Vorzugsjuden auch dazugezählt werden sollen, oder nicht. War jeder zu feige um etwas gegenteiliges zu sagen, oder hatte einfach niemand mehr einen Funken Menschlichkeit in sich. Schließlich wurde am Ende einstimmig beschlossen, 11 Millionen Juden zu ermorden!

Zwar muss ich auch sagen, dass es wirklich sehr anstrengend gewesen ist, dieser Aufführung aufmerksam zu folgen, da man sich wie inmitten einer echten Konferenz fühlt, jedoch ist es wirklich einen Besuch wert, da ich selten so überzeugende und brillante Schauspieler gesehen habe. Was für mich aber den absoluten Höhepunkt ausmachte und wirklich stark an meine Schmerzgrenze drückte, war das Geräusch eines vorbeifahrenden Güterzuges nach Beendigung der Konferenz. Dies war der Punkt, wo es mir wirklich den Magen verkrampfte und ich mich einen Moment lang nicht zu atmen traute. Noch kein anderes Theaterstück hat mich derart stark berührt und aufgewühlt, wie aber auch betroffen gemacht und wegen seiner Brillanz begeistert.

Von Kathrin Umdasch
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