Les Robespierres feat. Melissa Logan: "L'Amérique"

    21. Oktober 2005, 14:18
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    Illusion und Wirklichkeit: Eine neue Form des Theaters

    Es ist ein wenig still geworden um das politische Lied. Im deutschsprachigen Raum sind agitatorische Statements out, "Identitätspop" ist hip und wenn Politik in den Texten von Bands überhaupt eine Rolle spielt, so reichen jene über eine Ebene der allgemeinen Bestandsaufnahme à la "Die Welt ist schlecht und mir auch" oft nicht hinaus.

    Die Band im Stück

    Der Soundtrack zur "Propaganda Operette" L'Amérique von Angela Richter und Ted Gaier (Gitarrist der Goldenen Zitronen) ist die dritte Platte der Band "Les Robespierres" aus Hamburg. Er hat im gleichnamigen Theaterstück, der Realisation einer neuen Theaterform durch das Vermischen der Aufführung mit einem (Punk-)Rockkonzert, seinen Ursprung. Namensgebend ist L'Amérique - ein Ohrwurm der 60er und 70er Jahre aus den Federn des französischen Sängers Jo Dassins (hierzulande am ehesten bekannt durch seinen Hit Champs Elysées) über den US-amerikanischen Traum.

    Bilder und Vorstellungen vom Land der Freiheit wurden im Theater und nun auch am Tonträger einer Realität gegenüber gestellt. Zu diesen Zweck haben die Autoren sich bei anderen Autoren bedient und daraus ein Mosaik zusammengestellt, dessen Resultat aus einer Verquickung von Handlungen und Romanfiguren aus Kafkas, T. C. Boyles und Martin Crimps Werken, als auch aus Statements von politischen Aktivisten wie von Martin Luther King sowie aus der Black Panther Bewegung (Angela Davis und Eldrige Cleaver) sichtbar wird. Das Ergebnis bzw. eine mögliche Leseart: unterschiedliche Sichtweisen über ein widersprüchliches Land.

    Liberty

    Was auf den ersten Blick aussehen mag wie eine postmoderne Kollage von Widersprüchlichkeiten und unzähligen Unterschiedlichkeiten, entpuppt sich beim Hinhören als eine Angelegenheit, die sich in erster Linie der Überwindung von Unterdrückung und Ausbeutung widmet. So hat das Thema Freiheit schon die beiden ersten Platten der Jakobiner durchzogen (Liberdade Liberalidade 1995 und Repentista Repetista 1998). Es spannt sich in L'Amérique als roter Faden weiter: Die Zweideutigkeit des Begriffs Freiheit - als ein zu erreichender Zustand und ebenso als Wort, das nicht denen überlassen werden soll, die es kontinuierlich entwerten - steht auch hier im Mittelpunkt.

    L'Amérique vermeidet plakative Darstellungen und verdeutlicht strukturbedingte Unfreiheiten und Opposition. Den Beginn der Platte macht ein Auszug aus Kafkas "America", das Ende das temporeiche Cover Jo Dassins. Dazwischen wechseln einander neben literarischen und politischen Texten die energetischen Sprechgesänge von Melissa Logan (Chicks on Speed) mit den schwungvollen "Les Robespierre" ab.

    "Die an der Macht sind, die wissen Bescheid, ihr mächtiges Ende ist nicht mehr weit, wenn die Ohnmächtigen beginnen, sich zu befreien" grellt Logan den Song des deutschen Liedermachers Degenhardt über Angela Davis. Begleitet wird sie von den für Les Robespierres charakteristischen 60er Orgeltönen, die hier gepaart sind mit monotonen Gitarrensounds. Sie setzt in ähnlich schriller Weise in "class war" mit einem amerikanischen Traum der anderen Art fort. Thickest Blood erinnert durch den Sprachgesang, begleitet von abgehackten schnellen Gitarren- , Schlagzeug- und Klavierklängen mitunter auch an Lydia Lunch.

    "Ways of life"

    Logan's Auszüge aus der Geschichte werden durch die von "Robespierres" geschilderten Lebensweisen ergänzt. In einem Lied wird von "Joachim" und seinem abgesicherten und uninteressanten Leben in einer vermeintlich geschützten Zone des Wohlstandes berichtet. Die Adaption von Hanns Eislers "Lied der Baumwollpflücker" wird durch einen Präsidenten namens G.W. Bush in die Gegenwart verfrachtet. Dann wiederum erfährt man vom Leben einer Migrantin, der auch Reichtum nicht zu Glück verhelfen mag. The busier you are, the less you see - die Coverversion von den Goldenen Zitronen ("Auf dem Platz der leeren Versprechungen"), - erneuert durch Trommelklänge und atonale Klaviertöne - besingt den neoliberalen Rausch der Schnelllebigkeit und Inhaltsleere.

    Internationale Intention

    Die Musik, in der dies alles stattfindet, kann man im weitesten Sinne als Mischung zwischen 60er Beat und 70er Punk bezeichnen, angereichert mit dem energiegeladenen und künstlichen Portugiesisch von Sänger Klaus Ramcke. Die internationale Intention von L'Amérique wird so neben dem Bandnamen, Melissa Logan's amerikanischem Akzent noch weiter verstärkt. Resultat ist ein intensives Hörerlebnis. L'Amérique fordert heraus und ist getränkt mit an Schnelligkeit reichen Melodien und aussagekräftigen Texten, mit grellendem Sprechgesang und brecht'schen Sprechakten. Nichts für ein entspanntes Zurücklehnen auf der Couch des "leichten Hörens". (cra)

    Les Robespierres: L'Amérique - A Propaganda Operette Buback 2004.

    Links

    Les Robespierres

    Label: Buback

    Chicks on Speed

    • Auf der CD hört man Szenen und Musik aus dem Theaterstück, in der CD-Hülle wiederrum gibt's auch was zu sehen: Artwork von  Daniel Richter, in Form von Mini-Poster zum Thema
      foto: buback

      Auf der CD hört man Szenen und Musik aus dem Theaterstück, in der CD-Hülle wiederrum gibt's auch was zu sehen: Artwork von Daniel Richter, in Form von Mini-Poster zum Thema

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