Schreiben wir Geschichte, meine Herren!

1. Juni 2004, 12:28
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Eine Besprechung

"Heil Hitler! Guten Tag meine Herren! Herr Obergruppenführer, Herr Ministerialdirektor, meine Verehrung. Guten Tag die Herrn Staatssekretäre. Das Ambiente ist prächtig. Sehr geschmackvoll. Und der Cognac vorzüglich. Das Warschauer Getto ist voll. Wohin mit ihnen? Genießen Sie Ihre Zeit hier, entspannen Sie sich, meine Herren."

Ich konzentriere mich, sitze aufrecht und strecke meinen Kopf, um besser hinzusehen. "Wie geht es Ihrer werten Frau Gattin? Elf Millionen in Europa. Ein weltumspannendes Netz der Verschwörung. Oh, Herr Sturmbannführer, wir müssen aufräumen, uns schützen. Rassenschänder. Mein Sohn – an der Ostfront muss er kämpfen."

Der Saal, lang und hoch, mit nur kleinen Fenstern. Es ist still, trotzdem unruhig. "Die Ostgebiete – überschwemmt. Die Auswanderung – nicht mehr zielführend. Strukturelle, sachliche Lösungen sind notwendig. Schreiben wir Geschichte, meine Herren, säubern wir nicht nur unseren deutschen Boden, säubern wir Europa, säubern wir die gesamte, reine Erde von den Parasiten." Ich starre nach vorn, zapple mit dem Fuß. Mein Kopf ist leer. "Zug aus Kroatien, Italien, Lettland, Rumänien, Norwegen, Polen, Ungarn, Serbien, England, aus der UdSSR, der Ostmark, der Ukraine, aus dem Generalgouvernement, dem Altreich nach Theresienstadt, Chelmno, Belzec, Treblinka, Auschwitz, Dachau, Bergen-Belsen, Buchenwald, Mauthausen." Musik spielt auf. "Meine Herren, das Buffet ist eröffnet."

Die Worte, die ich höre, hallen in meinem Kopf nach. Ich spüre Wut, Aggression, Zorn und Entsetzen, und doch starre ich schweigend nach vorn. "Parteigenossen, es hat Neuerungen im technischen Sektor gegeben – Entwicklungen, die unser Vorhaben, das Vorhaben unseres Führers beschleunigen. Ausgezeichnet. Transporte. Selektion. Fassungsvermögen. Gaskammer. Zyklon B. Krematorium. Kreischen. Massen. Kind. Rasse. Frau. Grab. Mann. Rauch. Asche. Tod. Sie alle tot, an einem Tag, meine Herren." Stille. Leere. Ein scheußliches Gefühl der Mitschuld. Worte, nüchtern und banal. Es bleibt tiefstes Entsetzen. Jegliche Verbindungen zur Realität scheinen zu reißen, und doch holt sie dich ein, obwohl du sie nie erlebt hast.

Von Christina Marterer
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