Metropole zwischen Piste und Pazifik

5. August 2003, 09:43

Alljährlich wird die Stadt mit der höchsten Lebensqualität erhoben: Den Sieger fand man 1998 an der kanadischen Pazifikküste.

Fred Fettner

Die Berggipfel über Vancouver sind angezuckert. Strahlend weiß, könnte man sogar behaupten, denn drei Flecken werden dem dunklen Himmel mittels Flutlicht entrissen. Begeisterte Skiläufer und Snowboarder gondeln im Winter nach getaner Arbeit hinauf und nutzen den Schnee. Für den phänomenalen Blick vom Grouse Mountain auf das Lichtermeer der Halbmillionenstadt, die inklusive der Vororte allerdings über 1,8 Millionen Einwohner zählt, haben die meisten allerdings keinen Blick mehr. Für all jene aber, denen Stadt nicht ident mit "urban jungle" ist, werden die citynahen Coast Mountains und der 1400 Meter hohe Mount Seymour entscheidendes Moment gehobener Lebensqualität sein.

Als Gast, dem Berufsstreß fern, ist dem Besuch der Hausberge bei Tageslicht noch mehr abzugewinnen. Tief unten liegen Hafen und Innenstadt, etwas im Hintergrund das breite Delta des Fraser, rechts ragen die Berge von Vancouver Island auf, während die Cascade Mountains linker Hand bereits zu den USA gehören. Seattle liegt nur knapp außer Sichtweite.

Es ist Punkt elf, da knattern an der Bergstation des Mount Seymour die Rotorblätter. Der Flug mit dem Hubschrauber ist in Kanada ein finanziell vertretbarer Spleen. Oft wird der Heli für Tiefschneeabenteuer im nur 90 Autominuten entfernten Wintersportzentrums Whistler Mountain eingesetzt.

Diesmal schwenkt das Gefährt vom Gipfel im großen Bogen über die Lions Gate Bridge. Spektakulär werden die entlang der Küste aufragenden Wolkenkratzer umkurvt. Dann der Flug übers Wasser. Im Yachthafen liegen Hunderte Boote diszipliniert geordnet an den Molen. Wieder ein lebensqualitativer Pluspunkt: Im Sommer pendelt der Freizeitvergnügte zwischen Berg und Pazifik.

Sommer, das ist die Trockenzeit, wo tagsüber Temperaturen deutlich über 20 Grad nicht selten sind. Sie beschränkt sich auf die Monate Juni bis September. Dann blühen die rosafarbigen japanischen Kirschbäume in den zahlreichen städtischen Parks, tummeln sich die Einwohner an den Stränden. Selbst wenn die Verlockungen des Pazifik hierorts nie mit jenen einige 1000 Kilometer weiter südlich mithalten können. Das liegt nicht nur an der Temperatur, sondern auch an den nahen Hafenanlagen, die größten der nordamerikanischen Pazifikküste.

Nach dem Abschied vom Helicopter, bei der Fahrt mit der Fähre von North Vancouver ins Zentrum, ist es soweit: Die Fenster der Skyline spielen Blinklicht, sie blenden, als ob sie den Augenblick der Erleuchtung voll zelebrieren wollen. Kurz die Sonnenbrille gezückt - da erweisen sich die mächtigen "Segel" eines überdimensionalen Schiffs als Teil der Architektur des noch immer topmodernen Kongreßzentrums "Canada Place".

Wenn das Wetter schön ist, dann sollte man das ausnützen: Also nichts wie hin zum Stanley Park, ein kleiner Spaziergang steht an. Klein? Nein. Denn mit 400 Hektar ist der Park etwa so groß wie das ganze Stadtzentrum. Zu groß für einen Spaziergang, beschließen wir.

Für den fauleren Touristen gibt es ja entlang der Küste den "Scenic Drive". Stolze zehn Kilometer lang, ohne Umkehrmöglichkeit, da Einbahn. An kindliche Marterpfahlgeschichten erinnern die prächtig renovierten Totemsäulen der indianischen Ureinwohner, die zu den Pflichtstops an der Küstenstraße zählen. Sie machen Geschmack auf mehr, und dieses Mehr wird umgehend erfüllt: Ein Stück weiter an der Küste führt der North-West-Marine Drive zum Universitätsviertel.

Ziel ist dabei das bemerkenswerteste Museum von British Columbia, das anthropologische Museum. Schon der Museumsbau begeistert durch seine lichtdurchströmte Architektur. Im Inneren bleiben die riesigen, wundervoll geschnitzten und bemalten Totempfähle am nachhaltigsten in Erinnerung. Konzentriert sind sie im Kern des Museums, der "Great Hall". In den Vitrinen sind es vor allem Schmuck und aufwendige Tanzmasken, die zu längerem Verweilen verleiten.

Abend ist es noch immer nicht, aber Zeit, sich dem Zentrum zu nähern. Der verhinderte Parkspaziergang wird nun im nach Dr. Sun Yat-Sen benannten Chinesischen Garten nachgeholt. Eine wahre Ruheoase inmitten der belebten chinesischen Geschäfte ringsum. In vielen Hochhäusern steckt das Kapital jener Hongkong-Chinesen, die es vorgezogen haben, vor 1997 ihr Vermögen an die US-Pazifikküste zu transferieren.

Wir nähern uns dem historischen Zentrum, wo bis vor dem Eintreffen der ersten Europäer vor erst 200 Jahren die Cowichan-Indianer lebten. Dieses erste Hafenviertel heißt Gastown. In den letzten Jahrzehnten wurde es zum gangbaren Zentrum der Stadt. Mondäne Geschäfte und Restaurants, dazu die revitalisierten Innenhöfe. Und hier ist auch das reichlich unauffällige Wahrzeichen der Stadt zu finden. Wenn man's findet. Zum Glück macht sich die 1875 konstruierte, berühmte Dampfuhr alle 15 Minuten lautstark bemerkbar. Sie mahnt. Nun ist es wirklich Abend geworden.

© DER STANDARD, 16. / 17. Jänner 1998 Automatically processed by COMLAB NewsBench

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