Sommer in der kanadischen Arktis

20. Oktober 2005, 14:07
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Great Baffin Island: Kanadas Inuit-Urbevölkerung erhielt mit Nunavut endlich eine eigene Provinz

Als ob irgendwer urplötzlich die Stoppuhr gedrückt hat: Vor der Küste von Great Baffin Island in der kanadischen Arktis türmt sich das Packeis in zahllosen Reihen hintereinander gestaffelt, als wären die anrollenden Wellen des arktischen Ozeans von einer Hundertstelsekunde auf die andere steif gefroren. Die Sommersonne nagt an den Eiswellen, die täglich kleiner werden. Gebirgsbäche rauschen bereits wieder talwärts und fräsen sich ihren Weg durchs Eis.

Irgendwann im Spätsommer wird das Eis gänzlich verschwunden sein und den Hafen von Iqaluit bis Ende Oktober aus dem Würgegriff entlassen haben - für den Inuit Joshua die Zeit des Fischfangs in den langen, hellen Nächten hier oben. Der 53jährige Joshua ist als Nomadensohn auf Great Baffin Island aufgewachsen und vor über zwanzig Jahren nach Iqaluit gezogen, die heute 4200 Einwohner starke Metropole der kanadischen Arktis, gleichzeitig Hauptstadt der künftigen Provinz Nunavut.

Der Begriff aus der Sprache der Inuit-Ureinwohner bedeutet "Unser Land". Neben Englisch und Französisch ist auch Inuktitut Amtssprache. Seit 1. April 1999 hat die Urbevölkerung der arktischen Regionen Kanadas ihre eigene Provinz: Der östlichen Teil der Provinz Northwest Territories ist seitdem unter Inuit-Selbstverwaltung gestellt - ein Ereignis, dem die insgesamt nur 22.000 Einwohner der Region mit Stolz und Freude entgegensahen und dem 20 Jahre an Verhandlungen vorausgingen. Nunavut umfaßt die alten Siedlungsgebiete der Ureinwohner - Neuland für den Tourismus, Abenteuerland für Entdecker. Am schönsten jedenfalls ist es von Juni bis September, wenn das Eis sich zurückzieht, arktische Moose und Blumen zum Vorschein kommen und die bonbonfarbenen Häuser von Iqaluit in der Mitternachtssonne leuchten.

Die durchschnittliche Augusttemperatur in Iqaluit liegt bei plus elf Grad, und im Mai wurden schon minus 40, im September überraschende minus 30 Grad gemessen. Ein riesiges Land voller Überraschungen und voller Vielfalt: Karibus grasen am Ortsrand von Iqaluit, eine Million Robben bevölkert die Gewässer Nunavuts, stattliche 1000 Eisbären hat allein Joshua während seines Lebens erlegt - immer mit Lizenz und nie aus purer Jagdlust oder Profitgier, sondern nur, um den Bedarf seiner Familie zu decken, betont er.

Nunavuts Straßennetz ist arg begrenzt. Die gesamte Provinz bringt es nur auf 20 Kilometer asphaltierte Piste - die Hauptstadt Iqaluit eingeschlossen, obwohl die Einheimischen bereits über Stau witzeln, wenn an einer Kreuzung aus jeder Richtung zugleich ein Wagen kommt. Wer innerhalb Nunavuts oder auch nur auf Great Baffin Island von einem Ort zum anderen gelangen will, muss das Flugzeug nehmen. Die Wege sind weit, Siedlungen rar. Und angeflogen wird selbst das kleinste Nest regelmäßig - und sei es per Propellerflugzeug im Auftrag von Coca-Cola. Der Konzern hat gerade eine kleine Abfüllstation in Iqaluit aufgemacht und eine steinalte DC 3 gechartert, die die zuckersüße Errungenschaft des Südens auch in die entfernteste Inuit-Siedlung schaffen soll. Während des Spätsommers, wenn die arktischen Häfen schiffbar sind, werden alle einlagerbaren Vorräte in den hohen Norden geschafft. Verderbliches wird zwischen November und Juli einzig per Flugzeug an den Polarkreis befördert: ein Pack mit drei Tomaten für 42, eine Papaya für umgerechnet 35, ein Liter Milch für 28 Schilling.

Trends verschließt man sich auch an einem so abgelegenen Ort nicht: Am Schaufenster des einzigen Video-und CD-Laden Iqaluits wirbt diesen Sommer ein handgeschriebenes Plakat für die neuesten Spice-Girls-Poster, die gerade eingetroffen seien. Darunter klebt ein kleiner Zettel: "Backstreet-Boys-Poster jetzt zum halben Preis". Trendwende in der kanadischen Arktis. (Der Standard, Printausgabe)

Von Helge Sobik
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