Hans Blix: Mission Irak. Wahrheit und Lügen

4. Dezember 2004, 13:22
17 Postings
Es gibt nun einmal Hexen, ihr habt die Aufgabe, mit ihnen fertig zu werden. Sich Methoden auszudenken, um festzustellen, dass es Hexen gibt, ist nur eine Verwässerung der Hexenjagd." Die Hexen, das waren die Massenvernichtungswaffen im Irak; der sie finden sollte, war Hans Blix, schwedischer Diplomat und für seinen Posten an der Spitze der UNO-Abrüstungskommission Unmovic (U.N. Monitoring, Verification and Inspection Commission) aus dem Ruhestand geholt; und diejenigen, die es nicht für nötig erachteten, das Faktum der Existenz der Hexen zu überprüfen, waren die US-Kriegsfalken. Wie die Geschichte ausging, wissen wir. Den Krieg gab es, die Hexen nicht, oder zumindest seit Jahren nicht mehr.

In einem Gespräch mit dem STANDARD im Juli 2003 in Stockholm, wenige Tage nach seinem Abschied als UN-Waffenchef und nach seinem 75. Geburtstag, schwächte Blix etwas bitter lachend einen Ausdruck ab, mit dem ihn kurz zuvor der Guardian zitiert hatte: Gut, nicht "bastards" in Washington hätten gegen ihn und die UN-Inspektoren agitiert, sondern nur "skunks".

In seinen Erinnerungen an diese Zeit, unter dem Titel "Mission Irak" auf Deutsch erschienen, wird man solche Temperamentsausbrüche vergeblich suchen, Blix bleibt immer Diplomat - oder vielleicht "bunny hugger", ein verächtlich gemeintes Epitheton, das ihm seine US-"Freunde" schon während seiner Zeit als Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien umhängten, wegen seines zivilisierten Umgangs mit den Irakern (über die sich Blix auch in diesem Buch keine Illusionen macht).

Trotzdem, den Ärger über das, was da vor dem Irakkrieg zugange war, braucht man im Blix-Buch nicht zwischen den Zeilen zu suchen. Das "Hexen"-Zitat stammt aus dem Zusammenhang von "wirklich hitzigen" Auseinandersetzungen Blix' mit John Wolf (Assistant Secretary für Nonproliferation im State Department), einer der wenigen US-Diplomaten, die offensichtlich nicht einmal die Form wahrten: "Einzelne Abrüstungsfragen" waren für ihn nur mehr von "sekundärem Interesse", es ging darum, den Krieg zu begründen.

Nicht ohne Häme schreibt Blix, dass er nicht bezweifle, dass Wolf von den US-Geheimdienstkenntnissen überzeugt war, die "man uns freundlicherweise überlassen hatte" und die Wolf in den Mittelpunkt der Blixschen Überlegungen - Blix und sein Pendant von der IAEO, Mohamed ElBaradei, mussten regelmäßig vor dem UNO-Sicherheitsrat Bericht erstatten - gestellt haben wollte. Nach dem Krieg hat man nie wieder etwas von all diesen "Beweisen" gegen den Irak gehört.

Dazu gehörten auch die angeblichen mobilen Biowaffenlabors, die auch Außenminister Colin Powell am 5. Februar mit viel Pomp vor dem Sicherheitsrat vorgestellt hatte. Mit ihm und US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice geht Blix sehr pfleglich um, der Druck ist trotzdem ablesbar: "Colin Powell hatte sich lediglich zurückhaltend beschwert, dass ich ,mehr' aus der Drohne hätte machen können ..." (die, wie sich herausstellte, nichts mit Massenvernichtungswaffenprogrammen zu tun hatte, Anm.). Dem Weißen Haus ist diese Blix-Rüge nicht genug, Sprecher Ari Fleischer wird behaupten, dass die US-Delegierten im Sicherheitsrat nachfragen werden, "warum die Drohne im Bericht von Blix nicht erwähnt war" (sie war erwähnt ...).

Als zu befürchten steht, dass Blix Anfang März über die verbesserte Kooperation der Iraker berichten wird, ruft ihn Rice an: Zuerst teilt sie Blix mit, dass sie sich über Medien geärgert habe, die berichtet hatten, sie, Rice, habe ihm, Blix, "dringend geraten", im Sicherheitsrat dies und jenes zu sagen. (Blix: "Inzwischen vermutete ich, dass ein bestimmter politischer Zirkel den Medien Informationen darüber zuspielte, was er von Condoleezza Rice hören wollte, ohne sich darum zu scheren, was sie tatsächlich sagte." Die "skunks"?) Dann aber "schärft" Rice ihm am Telefon Folgendes ein: Man könne doch gewiss nicht sagen, die irakische Kooperationsbereitschaft sei "sofort" erfolgt (das heißt: auch bei jetzt gegebener Kooperationsbereitschaft des Irak ist eine Verletzung der Resolution 1441 gegeben und damit ein Kriegsanlass!). "Deutlicher als in diesem Gespräch hat Condoleezza Rice mir meines Wissens nie erklärt, was ich ihrer Meinung dazu sagen solle, und ich hatte nicht das Gefühl, dass sie damit die mir zustehende Unabhängigkeit verletzte."

Blix, der Gentleman. Vizepräsident Dick Cheneys Auftreten bezeichnet er übrigens als das eines "entschlossenen, selbstbewussten - ja, übertrieben selbstbewussten - Topmanagers", das Gespräch mit George Bush, der im Sitzen "ständig seine Haltung" ändert (gemeinsam mit dem Attribut "jungenhaft" ergibt das den Eindruck von Herumwetzen), bezeichnet Blix als "nicht substanziell".

Trotz alledem, man muss betonen, dass das Buch auch Blix' niedergeschriebene Meinung enthält, dass die US-Regierung im Herbst 2003 "großes Interesse" an den Inspektionen hatte und dass das militärische Vorgehen "nicht unwiderruflich geplant" war. Es gibt da die andere Denkschule (von der Autorin dieses Artikels vertreten), dass eine Rückkehr der Waffeninspektoren für die US-Falken ein eher unwillkommener Umweg auf dem Weg zum Krieg war, wenn er auch andererseits die Chance bot, internationale Legalität für den Krieg herzustellen (was dann ja bekanntlich scheiterte). Dass die USA die Inspektionen besonders "aggressiv" haben wollten, "möglicherweise in der Hoffnung (...), dass der Irak (...) sich zum Ziel ,ernsthafter Konsequenzen' machen würde", konzediert aber auch Blix, und er verweist auch auf die "interne Vielstimmigkeit" innerhalb der Bush-Administration. Darin liegt ja wahrscheinlich des Rätsels Lösung. Einige mögen seit 1998 oder früher an einen Irakkrieg gedacht haben, andere seit dem 11. September 2001, manche tatsächlich erst im Herbst 2003. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, ALBUM, 8./9.5.2004)

Hans Blix, "Mission Irak. Wahrheit und Lügen". € 20,50 / 352 Seiten. Droemer, München 2004.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Hans Blix in seinem Büro im 31. Stock im UNO-Gebäude an der East Side: so klein, dass man darin nicht einmal "ordentlich herumbrüllen" konnte, wie ein irakischer Minister sagte.

Share if you care.