"Die Geschichte vom weinenden Kamel": Mutterliebe aus der Geige

26. März 2005, 23:02
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"Die Geschichte vom weinenden Kamel" führt zurück an die Wurzeln dokumentarischer "Fiktion"

Eine erstaunliche Arbeit zweier Filmstudenten geht zurück an die Wurzeln dokumentarischer "Fiktion" - und erzählt die mongolische "Geschichte vom weinenden Kamel".


Wien - Staubige Weiden, in der Ferne ein schneebedecktes Gebirgspanorama, hin und wieder das Tosen eines unwirtlichen Windes: Mongolische Nomaden - eine Großfamilie, die in drei Jurten haust - haben sich den rauen Verhältnisse der Wüste Gobi angepasst. Die Kinder helfen bei der Arbeit mit, die Tiere, neben Schafen und Ziegen auch Kamele, sorgen für Nahrung, Wolle und eine eigentümliche Geräuschkulisse.

Byambasuren Davaa und Luigi Falorni, Studenten der Münchner Filmhochschule, haben sich für ihren Abschlussfilm ein eher unzeitgemäßes Thema ausgesucht: In der Tradition früher Dokumentaristen wie Robert J. Flaherty nähern sie sich behutsam einem autarken Volk an, vollziehen dessen alltägliche Handgriffe mit und helfen mitunter inszenatorisch ein wenig nach, wenn es darum geht, einer Fabel die nötigen narrativen Wendungen zu sichern.

Die Geschichte vom weinenden Kamel beginnt mit einer langwierigen Geburt. Eines der Kamele bringt sein erstes Fohlen zur Welt; zwei Tage lang versammelt sich die Familie um das Tier, steht für Hilfsgriffe bereit. Als das weiße Kameljunge endlich da ist, wird es aber von seiner Mutter verstoßen. Anders als in fernsehüblichen Tierfilmen werden die Hintergründe für dieses Verhalten nicht erläutert, Davaa und Falorni verharren in Beobachterhaltung. Je länger man den Kamelen jedoch zusieht, desto mehr mag man in ihren Gesichtern eine Art Mimik entdecken oder ihr Gurren als eine Gefühlsäußerung deuten - was die Mensch und Tier parallelisierende Montage auch nahe legt.

Um das Fohlen zu retten, verfällt die Familie schließlich auf ein altes Ritual: Ein Geiger aus der Stadt muss hergebracht werden, um mit seiner Musik die Abneigung der Mutter zu vertreiben, indem er sie im wahrsten Sinne des Wortes zu Tränen rührt. Der Ritt in den Ort wird dabei auch zur Konfrontation mit den Errungenschaften der Moderne, der Film streift ironisch Zivilisationskritik: Ugna, noch ein kleiner Bub, erliegt etwa der Faszination des Fernsehens.

Wichtiger jedoch ist, dass es noch einmal zum Vollzug des Rituals kommt, und das wundersame Märchen tatsächlich in Erfüllung geht. Womit den beiden Jungregisseuren auch die unprätentiöse Versöhnung dokumentarischer und fiktiver Mittel gelungen ist.
(DER STANDARD, Printausgabe vom 8./9.5.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

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kamelfilm.de
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    foto: filmszene
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