Im Rock-Café mit Václav Havel

21. Juli 2004, 18:53
17 Postings

Jircí Chmel kam vor 24 Jahren als tschechischer Dissident nach Wien. Ein Interview mit dem Besitzer des Szenelokals Tag -und Nachtasyl

Es ist schon einige Jahre her, dass Jircí Chmel mit seiner Frau und seinem zwei Monate alten Sohn am Wiener Franz Josefs Bahnhof ankam. Damals blickte er in eine ungewisse Zukunft. Heute ist er Besitzer zweier Lokale und pendelt zwischen Wien und Znaim.

Charta 77 und das Nachtasyl

Es ist 17 Uhr, als ich mein Fahrrad im sechsten Wiener Gemeindebezirk auf der Höhe der Stumpergasse 53 absperre. Über mir ragt das Schild „ Tag/Nachtasyl“ auf die Gasse. Ich treffe mich hier mit Jircí Chmel. Jircí ist der Gründer und Besitzer des legendären Kellerlokals „Nachtasyl“. Als Unterzeichner und Aktivist der Charta 77 wurde Jircí Chmel in der Tschechoslowakei verfolgt und eingesperrt. Als er 1982 aus seiner Heimat ausgewiesen wurde, emigrierte er nach Österreich.

Chmel: Charta 77 war eine Menschenrechtsbewegung, die im Zuge von Menschenrechtsverletzungen der Tschechischen Regierung ein Manifest verfasst hat, das dann an die 290 Leute unterschrieben haben. Der Auslöser war das im Jahr 1975 vom Parteisekretär Gustav Husak unterzeichnete Helsinki-Dekret, das im krassen Widerspruch zur Politik der Prager Führung stand. Das gipfelte dann in den Repressalien gegenüber der Underground Band „Plastik People of the Universe“.

derStandard.at: Waren es vor allem Künstler, die die Charta unterschrieben haben?

Chmel: Nein, das waren einerseits ausgeschlossene Kommunisten aus der 68-er Bewegung, dann Christen, die auch stark unterdrückt wurden und verbotene Schriftsteller und Künstler. Václav Havel war der erste Sprecher der Charta 77. Im Anschluss an die Gründung der Bewegung wurde der Druck der kommunistischen Machthaber gegen die Unterzeichner noch stärker. Viele wurden eingesperrt oder ausgebürgert. Auch ich habe 18 Monate im Gefängnis gesessen und als ich rausgekommen bin, hielt ich es noch eineinhalb Jahre aus und dann bin ich hier gelandet. Ich wollte eigentlich nicht emigrieren. Aber so konnte die Regierung ihre politischen Gegner loswerden.

derStandard.at: Wann und wie kam es dann zur Gründung des Nachtasyls und was war die Idee dahinter?

Chmel: Am 1.9.1987, nach mehreren Jahren Kampf mit den Behörden um die Genehmigung, eröffnete ich das Nachtasyl. Es war von Anfang an so gedacht, dass man hier den ausgewiesenen Malern, Musikern und anderen Künstlern eine Plattform bietet. So eine Art Kulturzentrum für Dissidenten und Menschen im Exil. Mit der Zeit hat sich das Exilanten- Publikum mit der linken Anarcho -und Punkszene der besetzen Häuser in der Aegidi -und Spalowskigasse vermischt, was dann dem Flair des Lokales auch diese spannende Mischung gegeben hat.

Samtene Revolution und EU-Osterweiterung

derStandard.at: Wie geht es dir mit der EU-Osterweiterung? Das Land, das du vor über 20 Jahren aus politischen Gründen verlassen hast ist jetzt Mitglied der EU.

Chmel: Ich bin ja nach dem Umbruch im Jahr 89 beinahe zurück gekehrt. Wegen den Kindern und dem Lokal bin ich dann doch geblieben. Aber ich lebe teilweise wieder in Tschechien. Ich habe ein Landhaus in Znaim und wohne mehr dort als hier. Mit der Entwicklung bin ich sehr zufrieden. Obwohl viel Fehler passiert sind. Aber wer hätte sich vor 15 oder 20 Jahren vorstellen können, dass wir jemals Nato-Mitglied und sogar EU-Mitglied werden. Natürlich gibt es auch Zweifel und Vorbehalte. Also prinzipiell war ich immer für die Erweiterung, obwohl ich ein Lokal habe, in dem 70 Prozent der Besucher sehr links und gegen die EU sind. Sie glauben, dass alles was das Establishment macht, falsch ist. Ich habe es am eigenen Leib gespürt, zu was das alte kommunistische Regime fähig war. Und das hat mich natürlich auch geprägt.

derStandard.at: Wo siehst du die größten Chancen der EU und was sind für dich die Gefahren eines nach Osten hin wachsenden vereinten Europas?

Chmel: Die Zentralisierung ist ein großes Problem. Auch der riesige bürokratische Aufwand ist nicht optimal. Aber ich versuche, die europäische Idee zu verteidigen und habe auch keine Schwierigkeiten damit, denn ich glaube man kann viel voneinander lernen. Und da ich vor den immer wieder aufkeimenden nationalistischen Strömungen sehr große Angst habe, und diese durch die EU eingedämmt werden, überwiegen für mich die positiven Aspekte.

derStandard.at: Hast du irgendwann vor ganz nach Tschechien zurück zu gehen ?

Chmel: Das Wort klingt zwar schrecklich, aber vielleicht wenn ich in Pension gehe. Im Moment ist das noch kein Thema für mich. Ich mache gerade mit dem Tschechischen Zentrum und derem neuen Direktor Marcel Sauer einige Veranstaltungen bei mir im Lokal. Ich helfe ihm auch bei den Kontakten nach Tschechien, denn er war vorher 10 Jahre in den USA.

Vacláv Havel und der Underground

derStandard.at: Wie geht es denn Vacláv Havel?

Chmel: Seit er nicht mehr raucht und trinkt, besser. Aber er ist schwer krank. Er ist drei bis vier Monate im Jahr im Spital. Er wohnt jetzt teilweise in Portugal und hat sich dort ein Haus am Meer gekauft, wegen seiner kranken Lunge. Das letzte Mal habe ich ihn vor zwei Jahren gesehen. Ich kenne ihn ja aus der Charta Zeit. Er war auch einige Male hier im Lokal, das war immer sehr lustig. Aber das ist schon Jahre her, damals bei seinen ersten Besuchen bei Klestil.

Vor gut einem Jahr waren wir eingeladen, als er sich von seinem Amt verabschiedet hat. Die private Feier war nur für Freunde in einem Rock Café mit 200 geladenen Gästen. Es war wirklich sehr angenehm, einen ganzen Abend mit ihm zu verbringen. Die offiziellen Feierlichkeiten waren im Nationaltheater mit Leuten, die er sicher nicht dort haben wollte, aber egal...lassen wir das. Havél ist ja ein großer Rock -und Undergroundfan.

In den 70er Jahren waren die Konzerte von Plastik People of the Universe in seinem Landhaus. Das gehört jetzt zwar nicht ganz hier her: Aber ich plane gemeinsam mit Marcel Sauer ein großes Konzert mit den drei legendärsten tschechischen Undergroundbands . Wenn alles klappt werden DG 307, Psí Vojáce und Plastik People of the Universe im Herbst hier in Wien auf einer Bühne stehen. Ich bin nur noch auf der Suche nach einer geeigneten Location. Denn Ende November 2004 sind es 15 Jahre seit der Samtenen Revolution.

derStandard.at: Es ist schon erstaunlich wie schnell das alles gegangen ist.

Chmel: Ja. (lacht) Ich bin vergangene Woche am zur Eishockey-WM nach Tschechien gefahren. Und als ich zurückgekommen bin, waren die Zöllner weg. Unglaublich. Also für mich hat es nur Vorteile gebracht.

derStandard.at: Danke für das Gespräch.

  • Jiri Chmel, Besitzer des Nachtasyls
    foto: georg widerin

    Jiri Chmel, Besitzer des Nachtasyls

Share if you care.