Der Po-Faktor

8. Juli 2004, 11:45
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Bestimmen antike Körperbilder oder barocke unsere heutigen Schönheitsideale? Stephan Hilpold begab sich auf Spurensuche

Ein Regelwerk der Körperideale? Eines, das sowohl im alten Griechenland als auch im Tokio der Jetztzeit gälte und das sich am besten gleich in eine Formel oder zumindest in eine Reihe von Verhältnissen bringen ließe? Ach, wie einfach wären mit einem Schlag all unsere Gespräche über Schönheit!

Verhältnisse

Zum Beispiel das Verhältnis eins zu 0,7. Es bezeichnet das perfekte Verhältnis von weiblicher Hüfte zu weiblicher Taille. Fleischig oder knochig, breit oder schmal ist dabei einerlei, zumindest laut einer Reihe postdarwinistischer VerhaltensforscherInnen. Stimmt das Verhältnis, wirkt die Besitzerin dieses Körpermittelteils attraktiv. In der Mongolei genauso wie in Indien. Zumindest auf den heterosexuellen Teil der Herrenwelt.

Oder das Verhältnis eins zu acht: Es galt bei den älteren der alten Griechen als die wahre Kopf-Körper-Proportion. Als das Nonplusultra der menschlichen Harmonie. Leider währte es nicht allzu lange: Bald korrigierte man es auf eins zu neun. Oder die männliche V-Figur: Sie rufe bei Frauen universell positive Reaktionen hervor, fanden WissenschafterInnen übereinstimmend heraus. Bis, so darf man vermuten, der erste James Dean mit leicht verkümmerter Rückenmuskulatur die Bühne betritt.

Zeitgeschmack trifft auf persönliche Vorlieben

Es sind vor allem Zahlen und Formeln, hinter denen sich die Suche nach der absoluten Schönheit verbirgt. In regelmäßigen Abständen umgeschrieben oder korrigiert (die Po-Formel von Kylie Minogue lautet bekanntlich leicht verfremdet: Taillenumfang geteilt durch Hüftumfang ist 0,7), markieren sie unsere Sehnsucht nach eindeutigem Wissen, dort, wo die Unschärfe regiert. Wo der Zeitgeschmack auf persönliche Vorlieben trifft, wo Kulturbilder und Medienbildnisse um die Vorherrschaft ringen. Als etwa Albrecht Dürer 1528 sein bis heute einflussreiches Buch über Proportionen schrieb, stellte er weniger die vollkommene Schönheit dar als die anatomisch korrekte Darstellung des Körpers. Im Wissen, dass es Ersteres schlichtweg nicht gibt.

Die Griechen

Damals, als eine ganze Epoche die Wiedergeburt ihrer Bildnisse aus dem Geiste der Antike feierte, war der Referenzrahmen der eigenen Schönheitsideale klar: Es waren die nackten griechischen Götterbildnisse mit ihrer kräftigen Bauchmuskulatur, die über die Beckenknochen quoll, und die antiken Sportler, die in ihrer Darstellung maximale physische Kräfte und federnde Schnelligkeit und Gewandtheit vereinigten. Auch die Frauenbildnisse orientierten sich an den griechischen bzw. römischen Vorbildern, an den ausgewogenen, idealen Maßen, wenngleich die Idealfrau der Griechen durchaus recht stämmig wirken konnte. Unsere Vorstellungen des Prachtweibes als langbeiniger, superschlanker Gazelle mit (trotz alledem) veritablen Rundungen lagen da noch in weiter Ferne. Sie hätten bei BetrachterInnen sowohl im alten Griechenland als auch in der Renaissance nur Mitleid ausgelöst. Anders als die heutigen Männerdarstellungen.

Parallelen

Während das Körperideal der Frau vor allem im 20. Jahrhundert so viele Veränderungen durchlief wie noch nie in seiner Geschichte und heute an einem Punkt angelangt ist, an dem wohl nur noch schwerlich Verbindungslinien bis in die Antike gezogen werden können, ist der vor Kraft strotzende muskulöse Männerkörper aus der Antike noch immer ein Ideal, das in unzähligen Variationen vor allem von der Werbewirtschaft durchdekliniert wird - auch, wenn die seitliche Bauchmuskulatur mittlerweile etwas in den Hintergrund getreten ist, aber Speerwerfen gehört nun einmal nicht mehr zum sportlichen Freizeitkanon.

Verbindung mit inneren Werten

Mit dem Vergleich heutiger Körperideale mit jenen früherer Jahrhunderte oder gar früherer Jahrtausende begibt man sich allerdings auf spiegelglattes Parkett. Die eingeschränkte Betrachtung der Körperrundungen oder Körpervertiefungen unterschlägt das gesamtkulturelle Umfeld, das die Körperideale nun einmal gebiert. Breite Brust und schwellende Schenkel waren bei den alten Griechen ethisch codierte Zeichen, sie standen auch für Mut und Schnelligkeit, und sie waren mit einer inneren, moralischen Qualität des Menschen verbunden. Nur unter diesem Gesichtspunkt kann man aus heutiger Sicht die Nacktheit griechischer Götter verstehen, die in archaischer Zeit noch bärtig und bekleidet auftraten.

Rubens-Frauen

Diesen Kontext vergisst man im Gespräch über Körperideale allzuschnell. Wenn derzeit etwa über die Wiederkehr des Barock diskutiert wird, auch jene von barocken Körperbildern, dann klinkt man den Dreißigjährigen Krieg, der in jener Epoche herrschte, ebenso aus wie die Symbolik satter Fleischeslust in dunkler Zeit.

"Wie barock ist das 21. Jahrhundert", fragte erst kürzlich das Hamburger Wochenblatt "Die Zeit" und spielte dabei auf die Flut von Rubens-Ausstellungen an, die ohne ersichtlichen Anlass derzeit Europa überschwemmt. In Wien ziehen Museen bereits Rubens-Ausstellungstermine vor, um der Konkurrenz mit ihrer Sicht auf den barocken Flamen zuvorzukommen, die "Barocke Erlebniswelt" des neu eröffneten Liechtenstein Museum wird gestürmt. Dabei hat das "Überströmen aller Füllhörner", wie Friedrich Nietzsche den Barock einmal bezeichnete, mit unserer Gegenwart wohl nur peripher etwas zu tun.

Noch unverständlicher wird der Epochenvergleich, nimmt man die "dicken Frauen" des Peter Paul Rubens mit ihren Männer-Oberarmen und fleischigen Schenkeln, an denen der barocke Meister (klischeehaft) immer wieder festgemacht wird, und vergleicht sie mit den derzeitigen Frauenbildern.

Vorgeformte Bilder

Vielleicht sollte man die Barock-Diskussion aber auch ein wenig gelassener sehen und weniger das Revival fleischiger Körperfülle als eine aktuelle Sehnsucht nach Körperbildern konstatieren, die sich jenseits der derzeitigen strengen Normierungen bewegen. Die schnelle Zirkulation von Medienbildern verschärft die Macht der immergleichen vorgeformten Bilder auf für manche beinahe unerträgliche Weise. Doch wer weiß, so schnell sich im vergangenen Jahrhundert das Karussell der Körperideale gedreht hat, so schnell könnten unsere Vorstellungen ins Wanken geraten.

Noch zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts und auch zu Beginn der 30er-Jahre durften Frauen durchaus Rundungen jenseits des Verhältnisses eins zu 0,7 besitzen. Kylies Po könnte also ziemlich schnell einfach nur wieder Kylies Po sein. Schlicht aus diesem Grund müsste man heilfroh sein, wenn Rubens' Damen viele heutige BewundererInnen fänden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.5. 2004)

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    Sind es immer noch antike Körperbilder, die unsere Schönheitsideale bestimmen? Oder befinden wir uns mitten in einem Revival des Barock?
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