An der Zeitenwende

13. Juli 2004, 14:32
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Öl, Stahl, Weizen - Grundstoffe werden dramatisch teurer. Und das bleibt so.

Noch ist er ein Mythos, der hohe Rohölpreis. Denn auch mit 40 Dollar für ein Barrel zahlen die Verbraucher für das Schwarze Gold inflationsbereinigt kaum mehr als vor dem ersten Ölschock vor 30 Jahren. Und Benzin kostete in Europa in den 80er-Jahren bereits um 20 Prozent mehr als heute. Viele Dinge des täglichen Lebens - auch Grundnahrungsmittel - sind deutlich teurer geworden als Öl.

Doch der Mythos könnte sich schon recht bald zu einer realen Bedrohung für die Weltwirtschaft entwickeln - wenn Prognosen von 60 bis 100 Dollar pro Barrel eintreffen. Hans Werner Sinn, Chef des deutschen ifo-Institutes für Wirtschaftsforschung, sieht die Weltwirtschaft an einer Zeitenwende: "Wir haben eine historische Phase hinter uns, in der der Ölpreis durch Über-Extraktion künstlich niedrig gehalten wurde." Damit sei nun Schluss.

Faktor China

Neben den aktuellen Terrorgefahren unterscheidet ein Faktor die derzeitige Situation von der früherer Ölpreis-Krisen: China. Der Terror könnte Versorgungswege kurzfristig unterbrechen, doch China verändert die Rahmenbedingungen auf Dauer. Noch 1996 exportierte das Land Öl, heute ist es nach den USA zweitgrößter Importeur der Welt - mit einem Bedarf von heuer 100 Millionen Tonnen, der jährlich um zehn Prozent steigen wird. Der weltweite Verbrauch von 80 Millionen Barrel täglich soll bis 2030 um die Hälfte auf 120 Millionen steigen, geht aus einer Studie der Internationalen Energie- Agentur hervor.

Die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik geht, wie auch internationale Investmentbanken, davon aus, dass in spätestens zwanzig Jahren eine Phase beginnt, in der Öl für Europas Wirtschaftsstrukturen zu teuer wird. Europa werde auf Substitutionstechnologien und damit auf Erdgas ausweichen, die USA, China und Indien würden eher auf Öl setzen.

Ölmärkte überrumpelt

Doch nicht nur die Ölmärkte wurden vom starken Wirtschaftswachstum Chinas überrumpelt. Das Reich der Mitte ist bereits der weltweit größte Konsument von Kupfer, Zink, Zinn, Stahl, Eisenerz und Platin, zweitgrößter Verbraucher bei Aluminium und Blei, Nummer 3 bei Nickel und Nummer 4 bei Gold. All diese Produkte verteuerten sich in den vergangenen 18 Monaten auf den Weltmärkten um 20 bis 60 Prozent.

Aber nicht nur bei Metallen und Industrierohstoffen, auch bei Lebensmittel-Grundstoffen wie Weizen befürchten Experten kräftige Preissteigerungen: Für heuer und 2005 werden in den USA nur mittelmäßige Ernten erwartet, und China hat bereits signalisiert, seine leeren Lager mit Qualitätsweizen auffüllen zu wollen.

Indien scharrt in den Startlöchern

Und hinter China scharrt bereits Indien in den Startlöchern - und damit zusammen mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung.

Für die Weltwirtschaft bedeutet das einen deutlichen Inflationsschub über viele Jahre - dem nur mit höheren Zinsen begegnet werden kann. Und diese höheren Zinsen werden zusammen mit den höheren Grundstoffpreisen das Wachstum vor allem in den gesättigten Volkswirtschaften Europas und Amerikas radikal bremsen.

Der größte Leidtragende dieser Entwicklungen wird aber die Umwelt sein: Bei einer Zunahme des Erdölverbrauchs bis 2030 um 50 Prozent und den niedrigen Umwelt-Standards in China und Indien werden die Kioto-Ziele zu einer Farce.

So gesehen hat der steigende Ölpreis auch seine guten Seiten: Denn durch das künstlich tiefe Preisniveau der vergangenen 30 Jahre haben sich Investitionen in alternative Energiequellen bis jetzt kaum gelohnt. Das dürfte sich bei 100 Dollar pro Barrel und Spritpreisen von drei bis fünf Euro pro Liter doch sehr schnell ändern. Doch bis zu der Zeit, in der alle Autos mit umweltfreundlichen Wasserstoff fahren, die Industrie mit Solarenergie und die Elektrizitätswerke ausschließlich mit Wasser- und Windkraft arbeiten, könnte es noch ziemlich lange dauern.

Für die Übergangszeit ist ein sehr raues Wetter zu erwarten. Und der Wetterumschwung hat schon begonnen. (Michael Moravec, Der Standard, Printausgabe, 07.05.2004)

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