Beim böhmischen Bier in Prachatice

10. Mai 2005, 22:09
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Der südwestliche Teil der Tschechischen Republik, wo der Blick der Bewohner auf die eigene Vergangenheit, der Umgang mit dem Thema Vertreibung der Sudetendeutschen, aber auch deren heutige Weltsicht zur Debatte steht

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich morgens um zehn im böhmischen Prachatice in das Hotel zum Silbernen Hirschen oder zur Goldenen Ente trat. Der Schankraum war zu dieser Vormittagsstunde brüllend voll, und die Rezeptionistin hatte genug zu tun, immer neue Krüge mit Bier zu den dunklen Holztischen zu tragen, an denen wohl achtzig gut gelaunte Werktätige ihrer liebsten Vormittagsbeschäftigung nachgingen. Ich beschloss, ein bisschen später wiederzukommen, um das bestellte Zimmer zu beziehen, und vorher den Ort zu erkunden.

Prachatitz, wie die Stadt einst von seinen deutschen Bewohnern genannt wurde, liegt im Südwesten Böhmens und war einer der wichtigsten Stützpunkte der "Salzstraße", des so genannten Goldenen Steigs, der von Passau nach Prag führte. Im frühen 16. Jahrhundert wurde der grandiose Hauptplatz im Stil der späten Gotik und der anbrechenden Renaissance gestaltet. Ein Prachtbau der wohlhabenden Bürger steht neben dem anderen, die meisten davon sind ornamental verziert oder weisen gar vom Boden bis zum First eine vollständige Sgraffitofassade auf. Jenseits der mächtigen Stadtmauern, die den Untergang Prachatices nicht aufhalten konnten, wuchern Siedlungen der realsozialistischen Ära in die idyllische Landschaft, einen Talkessel zwischen fünf Bergen, hinaus.

Auf der falschen Seite

Der Untergang Prachatices begann, als die Stadt sich in den Kämpfen der rechtgläubigen Habsburger und der tschechischen Reformchristen kurzfristig auf die falsche Seite schlug. Als die Gegenreformation in Böhmen mit Bibel und Schwert gesiegt hatte, wurde den Bewohnern von Prachatice vom Kaiser verboten, ihre Existenz je wieder mit dem zu bestreiten, wovon sie immer gelebt hatten: Wider jede ökonomische und politische Vernunft wurde ihnen exklusiv der Handel mit Salz und Getreide untersagt.

Die reiche Stadt kam über zwei Jahrhunderte völlig herunter, was den kunstsinnigen Besucher von heute zwar erfreuen mag, weil dadurch die Bauten der Renaissance nirgendwo barock verplempert wurden, aber für die ganze Region eine Katastrophe war. Wenn Otto von Habsburg, angesprochen auf die Enteignung der Sudetendeutschen, kürzlich meinte, dass "Diebstahl eben Diebstahl bleibt", dann muss man, die böhmische Geschichte überblickend, entweder hellauf lachen oder grimmig zürnen ob der Unverfrorenheit, mit der sich hier ein Nachfahre des habsburgischen Kaiserhauses stolz zu seinem selektiven Gedächtnis bekennt. Als wäre die habsburgische Gegenreformation nicht ein gigantischer Raubzug gewesen, bei dem Städte, Schlösser, Landgüter den ansässigen Bürgern und Aristokraten enteignet und für ewige Zeiten frommen Parteigängern von Kaiser und katholischer Kirche übergeben wurden.

Besitzinteresse

Die Gebäude an den vom Hauptplatz entfernten Straßen sind vielfach in Verfall übergegangen. Auf einzelnen Häusern waren Tafeln von Immobilienfirmen aus Passau angebracht, und da und dort waren Deutsche bereits daran, ein Haus, das vielleicht einmal ihren Eltern gehört hatte, zu restaurieren und wieder in Besitz zu nehmen. Alle Tschechen, mit denen ich sprach, fanden das durchaus sinnvoll; sie wussten, dass die gnadenlose Vertreibung der Sudetendeutschen nicht nur ein Unrecht war, sondern ihrer eigenen Stadt, in der über die Jahrhunderte verschiedene Volksgruppen zum Nutzen aller zusammengelebt hatten, großen Schaden zugefügt hatte. Nur vom Prinzipiellen, von einem Rechtsanspruch der deutschen Vertriebenen, entschädigt oder gar in den alten Besitz wiedereingesetzt zu werden, wollte niemand etwas wissen.

Die Gewalt, die den Sudetendeutschen kollektiv widerfuhr, ist auf der Gewalt aufgebaut, die zuvor den Tschechen widerfuhr, und die Geschichte ist gerade in Böhmen eine gewaltige Schädelstätte, die sich aus den Opfern vieler Kriege, Enteignungen, Vertreibungen, Verfolgungen türmt. Wer kaisertreu heute gerne seine Latifundien oder die in der kommunistischen Ära völlig heruntergekommenen Schlösser wiederhaben will, sollte in der Chronik seiner Familie einmal ein paar Jahrhunderte zurückblättern, um zu sehen, auf welche Weise diese in Böhmen zu ihrem Besitz gekommen ist.

Streit über die USA

Es war Mittag geworden, und ich ging in das Wirtshaus, wo im Schankraum unlustig nur mehr die Überständigen unter den ausgelassenen Vormittagstrinkern ausharrten. Unter ihnen fiel mir ein drahtiger, dunkler Bursche auf, der sichtlich verzweifelt mit den anderen Zechern debattierte. So kam es, dass ich Felipe González kennen lernte. Es handelte sich bei ihm aber nicht um den spanischen Ministerpräsidenten, sondern einen jungen mexikanischen Geografen, den sein Vater, der einst in Prag studiert hatte, wohl aus Sentimentalität zum Studienabschluss eine tschechische Reise spendiert hatte.

Felipe González war durch viel mehr tschechische Städte als ich gekommen und nun, im Südwesten des Landes, unweit der deutschen Grenze, in ein Stadium gereizter Feindseligkeit geraten. Gerade war der tschechische Präsident Václav Havel in Mexiko mit allen Ehren empfangen worden und hatte im dortigen Parlament den Mexikanern die Leviten gelesen. Ihr Antiamerikanismus sei politische Verblendung, schlimmer, eine Sünde wider den freien Geist in der Welt, denn immerhin hatten die USA Europa im zwanzigsten Jahrhundert gleich zwei Mal befreit.

Die Rede Havels ist in ganz Süd- und Mittelamerika als drastisches Exempel europäischer Borniertheit berüchtigt geblieben; dass die Mexikaner den USA vertrauensvoll willfahren sollten, kam in einem Land nicht so gut an, das von den USA in zwei Jahrhunderten zwar niemals befreit, aber mehrfach um Land bestohlen und um ihre nationalen Reichtümer betrogen worden war. Felipe schwor mir, dass er während der ganzen vier Wochen, da er von Olmütz bis Prag und von Pilsen bis Prachatice gefahren war, keinen einzigen Tschechen getroffen hätte, der ihn, wenn er seinen mexikanischen Standpunkt dem Yankee-Imperialismus gegenüber erklären wollte, nicht flugs zum Kommunisten erklärte. Die sind amerikanischer als die Amerikaner, ärgerte er sich, so etwas wie die Tschechen gibt es nicht noch einmal auf der Welt!

Geheiligter Emigrant

Ich konnte ihm nur eine Anekdote erzählen, die ihn nicht versöhnlich stimmten mochte. Der aus einer gemischten deutsch-tschechischen Familie von Prachatitz stammende Nepomuk Neumann war in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts in die USA ausgewandert und hatte sich dort als Missionar unter den Indianern solche Verdienste erworben, dass er 1977 heilig gesprochen wurde. Der Weg nach Amerika führt also nicht nur zu Wohlstand, Sicherheit und Freiheit, wie Felipe von jedermann belehrt wurde, sondern, wie ich ihm mitleidlos sagen musste, auch zur Heiligkeit. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.5.2004)

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Karl-Markus Gauß, Jahrgang 1954, beschäftigt sich als Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik" sowie als Buchautor seit zwanzig Jahren mit den Rändern Europas. Zuletzt fand sein Buch "Die Hundeesser von Svinia" über die Ärmsten unter den Roma der Slowakei (Zsolnay Verlag, 2004) große Beachtung.

Von Karl-Markus Gauß

Aus Anlass der EU-Erweiterung um zehn Staaten hatte der Standard einen speziell an dieser Thematik interessierten österreichischen Schriftsteller eingeladen, diese in subjektiven Reisereportagen abseits der Hauptrouten zu beschreiben.
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