Keine Schonzeit für Schäfchenwolken

24. Mai 2005, 15:05
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Der Tierbeobachtung vom Auto aus widmen sich die meisten Safaris in Namibia ...

Dass man sich einem Nashornbullen auch zu Fuß nähern kann, erlebte Tanja Paar

Gegen Mittag kommen meist die Wolken. Die Schatten der schnell ziehenden Cumulustürmchen tupfen dunkle Flecken auf das hellgrüne Buschland. Es ist Regenzeit in Namibia, aber mehr als ein paar Tropfen bringt die frische Brise nicht mit vom Atlantik. Es ist nicht zu heiß, ein idealer Ort, um sich zu akklimatisieren nach dem langen Flug nach Afrika. Der Blick aus der Badewanne schweift über die Hügel bis zu den nahen Khomas-Bergen, man bettet sich auf die Privatterrasse seiner Luxusrundhütte oder nimmt einen Drink am kühlen Pool.

Gocheganas, also "Platz des Kameldornbaums mit zahlreichen Kerzenakazien", hieß schon bei den Damaras (Ureinwohnern) dieser Ort nahe der Hauptstadt Windhoek. Die Südwester nützten Anfang des 20. Jahrhunderts das hoch gelegene Plateau als "Winterfrische" für die Pferde. Nur hier, auf über 1800 Metern, waren die als Transportmittel unentbehrlichen Tiere sicher vor der "Pferdesterbe", einer von Stechmücken übertragenen Krankheit.

Keine Stechmücken

Die todbringenden Viecher kommen in dieser Höhe schlicht nicht vor, ein Faktum, das heute auch die Besucher der Luxuslodge "Gocheganas" zu schätzen wissen. 16 elegant ausgestattete Chalets stehen auf einem alles überragenden Hügel, dazu kommen drei Behandlungskrale für Anti-Stress-Packungen, Massagen und Thalasso-Anwendungen, schließlich ist Gocheganas auch ein Wellness-Village.

In erster Linie präsentiert sich das erst im Jänner dieses Jahres eröffnete Resort aber als "Nature Reserve". "Etwa 1600 Tiere, Nashörner, Löffelhunde, Giraffen und Weißwedelgnus, leben in dem 6000 Hektar großen Wildschutzgebiet", erzählt der Direktor Ingo W. Stritter. Sein Hotelfach hat der Juniorchef in Deutschland absolviert, die Bande nach "Übersee", wie man hier zu sagen pflegt, sind noch eng. Bereits in vierter Generation leben die Stritters in Namibia, Ingos Urgroßvater war Anfang des Jahrhunderts nach Deutsch-Südwestafrika ausgewandert. Das W. in Ingos Namen steht noch immer für Wilhelm.

Deutsche Kolonie

Wilhelm, wie der zweite deutsche Kaiser dieses Namens, dessen Kolonialpolitik 1904 zur blutigen Niederschlagung des Herero-Aufstandes führte. Bis zum Ersten Weltkrieg blieb das Land daraufhin noch deutsche Kolonie, danach kam es unter südafrikanische Verwaltung, was zur Einführung der Apartheidpolitik führte. Erst seit 1990 ist Namibia unabhängig.

Die deutsche Gründlichkeit merkt man der jungen Demokratie noch immer an, was gerade für Afrika-Einsteiger nur Vorteile bringt: Die Städte sind sauber, die Straßen sicher, und man spricht Deutsch. Auch wenn der relative Wohlstand des Landes, es verfügt über zahlreiche Bodenschätze wie Diamanten und Uran, noch längst nicht alle Bevölkerungsschichten erreicht hat, ist der Staat stabil und die Kriminalitätsrate längst nicht so hoch wie beim südlichen Nachbarn. Gerade im Tourismusbereich ist die weiße Bevölkerungsminderheit (rund sechs Prozent, davon ca. zwei Prozent deutschsprachig) traditionell führend.

Luxuriöser Privatzoo

Ist Gocheganas so etwas wie ein luxuriöser Privatzoo mit Riesenauslauf für Tiere und Gäste, kann man sich im Norden des Landes auch den Thrill der freien Wildbahn geben: Inmitten des bergigen Darmalandes, südlich der Skelettküste, liegt das Palmwag Rhino Camp.

Maximal 16 Gäste werden hier in einem Zeltlager versorgt, das diese Bezeichnung nobel Lügen straft. Edel sind die Hölzer in der herrschaftlichen Sitzecke, strahlend weiß die Laken auf der massiven Liegestatt, allein das Dach ist eben aus Tuch, und das Wasser für die warme Dusche muss mit dem Kübel herbeigeschleppt werden.

Seit 1982 wirkt in dem fast menschenleeren Hochland nördlich des Brandberges der "Save the Rhino Trust". 25 Prozent der Einnahmen, die der Veranstalter Wilderness Safaris mit dem Rhino Camp macht, gehen ebenfalls in den Nashornschutz. Mit Erfolg: In dem 25.000 Quadratkilometer großen Gebiet wird heute die weltweit größte frei lebende Population von Spitzmaulnashörnern gezählt.

Etwa 140 Tiere ziehen einzeln oder in kleinen Familienverbänden praktisch ungestört durch die steinige Landschaft, die aussieht, als hätten die Amerikaner hier und nirgendwo sonst ihre Aufnahmen vom Mars gemacht. Das Rot des Darmaralandes stammt von eisenhaltigem Gestein, das oxidiert ist. Seine also tatsächlich rostrote Farbe steht in erfreulichstem Kontrast zum weißlichen Grün der vereinzelten Milchbüsche.

In Deckung

Hinter denen muss der Safaritourist auch schleunigst in Deckung gehen, wenn die hehre Philosophie der Campbetreiber einmal nicht aufgeht. Die lautet da nämlich: "Die Tiere sollen niemals gestört werden. Ein geglückter Game-Drive ist der, bei dem das Nashorn nicht einmal bemerkt hat, dass du da warst."

Mit diesen oder ähnlichen Worten ermahnt die kleine Gruppe auch Camp-manager Chris Bakkes. Drei einheimische Tracker sind bereits im Morgengrauen den Spuren eines jungen Bullen von der Wasserstelle aus gefolgt, nun werden die Greenhorns mit dem Jeep bis auf wenige Kilometer Entfernung an das Tier herangefahren. Die Besonderheit dieser Safari: Anders als in beinahe allen Nationalparks Namibias oder auch Südafrikas wird beim Rhino-Trekking das Auto verlassen.

Zu Fuß und nur mit Fernglas und Kameras bewaffnet nähern sich die Bleichgesichter dem Black Rhino, einem Vertreter jener seltenen Tierarten, die den Menschen angreifen. Zum Glück ist Jungbulle Micro noch in der Pubertät und so unsicher, dass die sechs voreiligen Tierbeobachter nicht über den Haufen gerannt werden, obwohl sie voll im Wind stehen beziehungsweise schnell kleinlaut kauern.

Später werden sie darüber aufgeklärt, dass sie noch rund 100 Meter von dem Pickelgesicht entfernt waren. In den peinlich genau geführten Aufzeichnungen über den Game-Drive wird weiters stehen, dass Micro in guter Verfassung ist. Vier von fünf möglichen Bewertungspunkten erhält er aufgrund von Narben, die sich der Feigling offensichtlich nicht im Kontakt mit mutigen Naturliebhabern geholt hat.

Tierbeobachtung vom Auto

"Die meisten der Safaris in Namibia widmen sich der Tierbeobachtung vom Auto aus", erzählt Stefanie Hümmer. Seit zehn Jahren führt die Farmerstochter mit ihrem Mann südlich der Hauptstadt Windhoek die Eningu Lodge, also "Lodge zum Stachelschwein". "Im Jeep kannst du sehr nahe an die Tiere heran", erklärt sie, "denn jedes Auto schaut für sie gleich aus, und sie gewöhnen sich schnell an seine Anwesenheit. Wenn uns das Zebra anschaut, ist aber keiner von uns gleich. Wir unterscheiden uns durch Geruch und Kleidung. Das macht den Tieren Angst."

Trotzdem kann man auf der am Südostrand der Kalahari gelegenen Ranch getrost wandern gehen. Denn hier stehen einmal nicht Rhinozeros, Löwe oder Springbock im Mittelpunkt des Interesses. Dafür kostet man auf Tour mit Stefanie vom einjährigen Sauergras, erfährt, dass die Baumakazien mit bis zu 100 Meter langen Wurzeln ihren Wasserbedarf decken, und staunt über kartoffelartige Gebilde, die ebenfalls Wasser speichern. Mit den ausgefeiltesten Tricks schaffen es an die 600 Pflanzenarten, in der "grünen Wüste" Kalahari zu überleben. "Grüne Wüste deshalb, weil es hier immerhin ca. 320 Millimeter Niederschlag pro Jahr gibt", erklärt Stefanie. Die niederschlagsreichste Zeit sind die Wintermonate, also der namibische Sommer, dann fällt für fünf bis neun Monate wieder kein Tropfen, und die verbleibende Vegetation ist so trocken, dass es knistert und knackt, wenn sich die wurstgroßen schwarzen Tausendfüßler ihren Weg durch die Farm bahnen.

Aber noch ziehen die Schäfchenwolken über die Kalahari, als hätten sie es eilig, rüber nach Gocheganas zu kommen und sich einzureihen in die geschützte Fauna des Natural Reserve. Vergebens. Nicht einmal in dem ersten Land der Welt, das den Naturschutz in seiner Verfassung festgeschrieben hat, gibt es Schonzeit für Schäfchenwolken. (Der Standard/rondo/7/5/2004)

Info

gocheganas.com

palmwag.com.na

www.eningu.com.na

www.airnamibia.com; Air Namibia fliegt viermal pro Woche von Frankfurt nach Windhoek.

Weitere Info: Namibia Tourism Board, Schillerstr. 42-44, D 60313 Frankfurt; Tel.: 0049 / 69133736-0; info@namibia-tourism.com
  • Sonnenuntergang in der Wüste
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