Körperkunst: Ötzi machts vor

22. Oktober 2004, 17:11
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Salzburg- Haben Sie gewusst, dass es in manchen afrikanischen Volksstämmen Brauch ist, dass sich die Frauen ihre Ohrläppchen mit Piercings so stark dehnen, dass ein Neugeborenes durchpasst? Oder dass sich Mitglieder der SS im Nationalsozialismus ihre eigene Blutgruppe auf den Arm tätowieren ließen? Im "Haus der Natur" wurde am 4. Mai die Sonderschau "Lebensspuren hautnah" eröffnet, in der man diese und viele andere interessante Details zur Körperkunst erfährt.

Salzburg - Der Besucher wird auf eine Reise durch die uralten Traditionen des Tätowierens, Piercens und Body Painting geschickt und schließlich in das Hier und Jetzt geführt. Ziel der Ausstellung ist es, Wissenslücken zu schließen und Bedeutungen von Körperkunst aufzuzeigen. Apropos Wissenslücken: Das Wort Tätowieren ist eine falsche Wiedergabe des ursprünglichen Ausdrucks „Tatauierens“, der „eine Wunde schlagen“ bedeutet. Durch Lautmalerei wurde versucht, das Geräusch der ersten Tätowiergeräte oral auszudrücken.

Frühe Formen
Gespannt lasse ich mich auf diese ungewöhnliche Reise auf den Spuren der Körperkunst ein. Die Ausstellung beginnt mit einem Rückblick in die Vergangenheit. Plötzlich stehe ich vor einer Rekonstruktion des Ötzi. Ich erfahre, dass diese 5.300 Jahre alte Gletschermumie die ältesten Tätowierungen aufweist. Die Linien an der unteren Wirbelsäule sowie am rechten Bein werden heute als therapeutische Maßnahmen gedeutet.

Weltweite Verbreitung
Als nächstes tauche ich ein in die verschiedenen Traditionen der Körperkunst in allen Erdteilen. Körperkunst kann auf soziale oder religiöse Zugehörigkeit verweisen, Stammeszeichen oder Rangabzeichen sein, den Beginn neuer Lebensabschnitte einleiten oder die gesellschaftliche Stellung widerspiegeln. Das Tragen von Holz- oder Tonscheiben in den gedehnten Unterlippen ist beispielsweise bei den afrikanischen Stämmen der Surma und Pokoten verheirateten Frauen vorbehalten. Und die Maori in Neuseeland malen sich ihre Familiengeschichte ins Gesicht. Weiter geht die Reise zu den Indianern Nord- und Südamerikas, den arktischen Völkern Sibiriens, nach Japan und Afrika. Die historischen Filmdokumente verlangen mir zwar aufgrund der blutigen Einblicke einiges an Überwindung ab, trotzdem sind sie äußerst aufschlussreich. Schließlich erreiche ich das nächste Highlight der Ausstellung: eine Darstellung eines ursprünglichen Pygmäendorfes im afrikanischen Kongo.

Europa:Tabus und Tabubrüche
Weiter gehts es mit der Geschichte der Körperkunst in Europa. Sie ist geprägt von Tabus und Tabubrüchen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren noch hauptsächlich Seeleute, Knastbrüder und Soldaten tätowiert. In den sechziger Jahren begann mit den Hippies, Punks und Rockern der Aufstieg des Tätowierens als Ausdrucksmittel der Rebellion. Ähnlich verlief die Entwicklung der Akzeptanz des Piecings, das in atemberaubend kurzer Zeit Teil der heutigen Alltagskultur wurde.Den Aspekt der Straftätowierung finde ich besonders interessant. Die Römer versahen zum Beispiel ihre gefangenen Feinde, Sklaven und Rekruten mit Tattoos. Im Dritten Reich mussten Juden und Homosexuelle demütigende Zwangstätowierungen zu ihrer Widererkennung erleiden.

Moderne Körperkunst
Am Ende der Ausstellung geht es schließlich um moderne Aspekte der Körperkunst. Ich bin beeindruckt von den unterschiedlichsten Werken der weltbesten Tatookünstler. Die Nachbildung je eines modernen Piercing-Studios und Tattoostudios gibt außerdem Einblick in die technischen und hygienischen Anforderungen. Im letzten Raum erwartet mich dann noch eine Ausstellung von Piercingschmuck aus modernen und natürlichen Materialien. Die Sonderausstellung läuft noch bis September. An sogenannten Aktionstagen (der erste findet am 5. Juni statt) kann man zudem u.a. Tätowierern, Piercern und Bodypaintern bei der Arbeit zusehen und einen Henna-Workshop besuchen. (sk)
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