Der kurze Trost einer Umarmung

14. Juli 2004, 16:33
2 Postings

Patrice Chéreaus neuer Film "Son frère" setzt auf unsentimentale Weise Verhaltensweisen und Körperbilder zueinander in Beziehung

Zwei ungleiche Brüder kommen einander wieder näher, als einer von ihnen todkrank wird.


Wien - Die Nachricht von der Krankheit kommt unvorbereitet. Er leide an einer seltenen Blutstörung, die wohl unheilbar sei, erzählt Thomas (Bruno Todeschini) seinem jüngeren Bruder Luc (Eric Caravaca) eines Abends lapidar; schon bei ganz geringen Erschütterungen drohe ihm eine Hämorrhagie mit fatalen Folgen. Dass er für den anstehenden Untersuchungsmarathon im Krankenhaus gerade ihn an seiner Seite wünscht, überrascht Luc dann aber fast noch mehr . . .

Die beiden Brüder haben sich entzweit in Patrice Chéreaus Filmdrama Son frère, irgendwann ist nur das verwandtschaftliche Band übrig geblieben und ein gehöriger Mangel an Vertrauen. Die Erfahrung des Leidens, die Intimität und Hilflosigkeit, die das Kranksein mit sich bringt, wird sie über längere Auseinandersetzungen wieder zueinander führen: Diese eigentlich recht simple Geschichte wird hier erzählt.

Dass sie so wenig zur Seifenoper wie zum Exempel übermenschlicher Triumphe wird, darin liegt die Qualität dieses unsentimentalen Films. Wie schon in Intimacy, Chéreaus Hanif-Kureishi-Adaption, fängt die ungemein bewegliche Kamera äußerst haptische Bilder ein, sucht die Nähe zum Körper. Dem Gestischen gilt in Son frère das Augenmerk, nicht den Worten: Wie eingeübt die Handgriffe des Krankenhauspersonals sind, wie willenlos dagegen der Körper des Kranken, mit welchem zögerlichen Bedauern der Bruder meistens daneben steht.

Der Film changiert zwischen zwei verschiedenen Zeitebenen, welche die Entwicklung im Verhältnis der Brüder akzentuieren sollen, dabei aber mitunter ein wenig sprunghaft erscheinen. In der einen geht es um Thomas' Spitalsaufenthalt, wo Chéreau das klinische Ambiente und die Abläufe in der Institution sehr präzise einfängt - mit kühlem, fast dokumentarischem Blick ruht er etwa minutenlang auf dem Körper des Patienten und verfolgt die Rasur vor der Operation mit.

Tiefes Einverständnis

Ein paar Monate später, an der bretonischen Küste, pflegt Luc den rekonvaleszenten Bruder. Dabei scheint Chéreau keinen Akt der Selbstlosigkeit im Sinn zu haben, vielmehr sucht er ein Gegenbild zum objektivierten Körper im Krankenhaus, indem er Einverständnis zwischen den Brüdern zeigt, das tiefer wurzelt, das Produkt einer Empfindung ist. Mehrmals zeigt er denn auch Menschen, die von Affekten überwältigt werden und sich spontan zueinander hingezogen fühlen - den kurzen Trost eines anderen.

Weniger stimmig, ein wenig hineingedrängt in den Film wirkt hingegen die Homosexualität Lucs, die auch ein Grund für die Entfremdung zwischen den Brüdern war. Hier wird Chéreau eine Spur zu thesenhaft - wie auch in einer späten, mit einem Marianne-Faithful-Song pathetisch aufgeladenen Szene, die einen Rollentausch zwischen den Figuren nahe legt. Sie bebildert allerdings nur einen Traum - Son frère endet mit der Einsicht, dass eine Umarmung die äußerste Annäherung bleiben muss. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.5.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

Derzeit im Kino
  • Zwei Brüder, die allmählich wieder Vertrauen zueinander gewinnen: Bruno Todeschini (vorne) und Eric Caravaca in Patrice Chéreaus "Son frère".
    foto: concorde

    Zwei Brüder, die allmählich wieder Vertrauen zueinander gewinnen: Bruno Todeschini (vorne) und Eric Caravaca in Patrice Chéreaus "Son frère".

Share if you care.