Im Dorf der vierzig Tataren

1. Juli 2005, 14:03
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Keturiasdesimt Totoriu: Ein versteckter Ort, in dem tatarische Muslime leben und die neue Lage diskutieren ... - von Karl-Markus Gauß

Auf der Reise nach Salcininkai, einer fast ausschließlich von Polen bewohnten litauischen Stadt, die sich vorübergehend für autonom erklärt hat, gibt es noch etwas zu entdecken: Keturiasdesimt Totoriu, einen versteckten Ort, in dem tatarische Muslime leben und die neue Lage diskutieren.

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Ich war schon längere Zeit in Litauen unterwegs, aber wollte das Land nicht verlassen, ohne auch Salcininkai besucht zu haben, eine kleine Stadt, die in keinem touristischen Reiseführer verzeichnet ist, weil sie keine Sehenswürdigkeiten der Natur oder Architektur zu bieten hat. Salcininkai liegt rund 45 Kilometer südlich der Hauptstadt Vilnius, direkt an der Grenze zu Weißrussland, und wird fast ausschließlich von Polen bewohnt.

Autonomie ausgerufen

Während früher als in den anderen Ländern des Ostblocks im polnischen Mutterland die Opposition gegen die sowjetische Vorherrschaft zur geschichtsmächtigen Kraft wurde, hatten die versprengten Polen von Salcininkai andere Sorgen. Nichts fürchteten sie so sehr, als dass die Litauer es den Polen gleichtun, die kommunistische Herrschaft abschütteln und den Staat womöglich aus der Union der vielen Sowjetvölker herausführen würden.

Als am 11. März 1990 Litauen seine Souveränität ausrief, erklärte die Stadt Salcininkai diesen Schritt daher für ungültig und sich selbst zu sowjetischem Territorium. Statt der neuen, alten litauischen Flagge, die jetzt auf jedem amtlichen Gebäude aufgezogen wurde und von unzähligen privaten Häusern flatterte, hisste die polnische Ortsverwaltung die rote Fahne und proklamierte ihre Region zum autonomen Gebiet.

Polen und Litauen hatten vier Jahrhunderte lang einen gemeinsamen Doppelstaat gebildet, ehe dieser von den verfeindeten Großmächten Russland, Preußen und Österreich brüderlich zerschlagen und als Beutestück aufgeteilt wurde. Als Polen und Litauen 1918 wiedererstanden, war von einem gemeinsamen Staat keine Rede mehr, die polnische Armee besetzte im Handstreich die litauische Hauptstadt Vilnius und entriss dem schwachen Nachbarn gleich noch den ganzen Südosten seines Territoriums.

Zwanzig Jahre später waren beide Staaten für Hitler und Stalin nur Beutestücke, über deren Aufteilung diese sich anfangs in geheimen Protokollen einigten und auf deren Gebiet sie schließlich einen vernichtenden Krieg führten.

1945 wurde Polen schließlich dem Ostblock als Land mit der begrenzten Souveränität eines Satellitenstaates zugeschlagen, Litauen hingegen als Sozialistische Sowjetrepublik der UdSSR eingegliedert.

Mehr als 220.000 Polen verließen in den Jahren darauf Litauen; die einen flüchteten, die anderen wurden verjagt. In Salcininkai aber stellen sie noch heute die große Mehrheit, und diese war 1990 überzeugt, ihre Rechte als Minderheit im ausgeklügelten, die Nationalitäten gegeneinander ausspielenden System der Sowjetunion eher wahren zu können als in einem litauischen Nationalstaat.

Versteckter Ort

Diese Stadt wollte ich mir anschauen, aber auf halbem Weg dorthin zeigte ein Straßenschild den Weg zu einem Dorf mit dem viel versprechenden Namen Keturiasdesimt Totoriu, und wir beschlossen, einen kleinen Umweg zu machen. Der versteckte Ort wird von einer schnurgeraden, staubigen Straße durchzogen, an der sich an diesem Sonntagmittag nur Frauen sehen ließen, Frauen, die die Fremden, die es unbegreiflicherweise hierher verschlagen hatte, über die Stra- ße herüber grüßten, ihnen freundlich zuwinkten und oft ein paar Worte zuriefen.

An der Straße, die sich nach dem Ort in den Feldern verliert, reihen sich alte Holzhäuser mit intensiv genutzten Kleingärten; alle paar Meter wartete ein Pferd geduldig im Schatten eines Baumes, bis eine Frau, in der Kleidung von Landarbeiterinnen, es losband und mit ihm in einen Seitenweg auf die Felder hinauszog.

Ziemlich in der Mitte des Ortes stand ein schäbiges Kaufhaus, aus dessen geöffneter Tür lebhafte Stimmen und der Rauch unzähliger Zigaretten nach draußen drangen. Dort fand ich die männliche Einwohnerschaft versammelt, allerdings nicht zum Einkauf, sondern zum Diskutieren und zum schnellen wie ausdauernden Trinken eines mit Honig versetzten Wodkas.

Keturiasdesimt Totoriu, erfuhr ich, bedeutet "Dorf der vierzig Tataren", und die Bewohner waren Abkömmlinge jener Tataren von der Krim, die vor über einem halben Jahrtausend als Offiziere und Leibwächter irgendeines Fürsten ins Land geholt worden waren.

Litauens Muslime

Heute gibt es immerhin rund 6000 Tataren in Litauen, sie stellen sogar einen eigenen Abgeordneten im Parlament; nur wenige von ihnen sprechen noch die tatarische Sprache der Vorfahren, aber sie alle sind Muslime geblieben. Über nationale Benachteiligung beklagte sich keiner der Männer, deren Freundlichkeit den Fremden gegenüber nur dann nachzulassen drohte, wenn diese das Glas, das man ihnen gleich in die Hand gedrückt hatte, nicht schnell genug wieder vorstreckten, um sich auf eine neue Doppelladung des gerade wegen seiner Süße höchst gefährlichen Getränkes einladen zu lassen.

Auf dem Weg zurück kamen wir an einem schönen Gebäude aus dunklem Holz vorbei, das von vielen, in dem tiefen Boden fast versunkenen Grabsteinen umgeben war. Drei Frauen, eine Mutter mit ihren zwei Töchtern, von denen die eine in Vilnius Informatik studierte, die andere Englischlehrerin war, erklärten uns bereitwillig, dass das die Medjet war, das muslimische Gebetshaus. Sie sagten, dass sie gleich gut Litauisch, Russisch, Weißrussisch und Polnisch sprachen, Tatarisch aber leider nicht mehr. Was dann das Tatarische an ihnen sei, fragte ich. "Nun, dass wir keine Juden und keine Christen, sondern Muslime sind, natürlich!"

Ob man in Litauen an einem städtischen Markt die Bäuerinnen beim Verkauf ihrer bescheidenen Waren beobachtet, in Vilnius ein orthodoxes Kloster besucht oder sich auf dem Land eine katholische Kirche anschaut, überall tragen nicht nur die älteren Frauen Kopftücher, in mannigfachen Farben und teils auf geradezu schicke Weise verknotet. Erst im Auto fiel mir auf, dass der einzige Ort in Litauen, in dem ich keine Frau mit Kopftuch gesehen hatte, ausgerechnet Keturiasdesimt Totoriu war. Denn hier leben Muslime, bei denen die Männer Schnaps trinken und die Frauen fremde Besucher auf der Straße ansprechen, um ihnen stolz ihr Gotteshaus zu zeigen und zu erklären, was es mit Sprache, Geschichte und Religion der neuen tatarischen EU-Bürger auf sich hat.

Nach Salcininkai sind wir dann auch noch gefahren. Vom Rathaus hing ziemlich armselig die litauische Fahne herunter, und die paar Leute, die ich traf, mochten sich an die Tage, da die polnische Stadt eine sowjetische Enklave in Litauen bildete, gar nicht mehr erinnern. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.5.2004)

Karl-Markus Gauß, Jahrgang 1954, beschäftigt sich als Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik" sowie als Buchautor seit zwanzig Jahren mit den Rändern Europas. Zuletzt fand sein Buch "Die Hundeesser von Svinia" über die Ärmsten unter den Roma der Slowakei (Zsolnay Verlag, 2004) große Beachtung.

Zur jetzt Realität werdenden Erweiterung der EU um zehn Staaten hat der STANDARD einen österreichischen Schriftsteller eingeladen, subjektive Reisereportagen als Serie zu publizieren. Es sind dies "Wirtshausgespräche in der Erweiterungszone" eines Autors, der sich seit langem mit den bisherigen Rändern Europas beschäftigt.

Der dritte Teil betrifft Litauen, wo es um eine kurzzeitige sowjetische Enklave von Polen und um die Nachkommen von Krimtataren geht.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Weniger als 50 Kilometer südlich von Vilnius (im Bild)gelegen, der kleine Ort Keturiasdesimt Totoriu ("Dorf der vierzig Tataren")

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