Nackt ist nicht gleich nackt

8. Juli 2004, 11:45
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Der deutsche Starfotograf Wolfgang Tillmans über die Ungleichheit von weiblicher und männlicher Nacktheit

Das deutsche, linke Magazin "Konkret" verwendete in den 70er-Jahren für das Cover Fotos von nackten Frauen. Im Magazin selbst kam das überhaupt nicht vor: Die Geschichten handelten von der Arbeit an gesellschaftlichen Veränderungen. Die Herausgeber nutzten nur die Tatsache des "Sex sells", um ihre Botschaft unters Volk zu bringen.

Es hat eine gewisse Faszination, wenn Sex verwendet wird, um etwas zu verkaufen, das eigentlich einen hohen intellektuellen Anspruch stellt. Aber warum sind die nackten Menschen, die in Zeitungen und Magazinen abgebildet werden, niemals Männer? Das ist eine schreiende Ungerechtigkeit. Wenn die Menschen alle gleich sind, warum sollte der Anblick eines nackten Mannes nicht erwünscht - schlimmer noch, obszön sein?

Als ich gebeten wurde, ein Foto für die Seite drei der Guardian-Beilage G2 zu machen, wollte ich klarerweise etwas bringen, das über den üblichen Standard hinausgeht. Konventionelle Seite-drei-Bilder sind nicht subversiv. Sie sind nicht einmal für alle da: Denn sie bedienen nur die Hälfte der Bevölkerung. Meine Seite drei sollte so modern wie nur irgendwie möglich werden. Ich wählte daher eine noch nicht veröffentlichte Fotografie, die ich erst kurz zuvor gemacht hatte. Sie zeigt eine Frau, die in entspannter Position sitzt, mit gespreizten Beinen, als ob sie gerade beim Frühstück wäre. Sie ist nackt, und das Foto zeigt ihren Körper vom Nabel abwärts bis zu den Knien. Die Tatsachen ihres Körpers sind einfach da - natürlich, eindrucksvoll in ihrer Präsenz und daher faszinierend.

Auf dem Foto ist sehr genau zu sehen, wie die Genitalien einer Frau aussehen - etwas, von dem nur wenige Männer tatsächlich eine Vorstellung haben, selbst wenn sie heterosexuell sind. Im Zentrum steht Sex, aber es weist auch darauf hin, woher wie kommen. Das Bild ist direkt: Es ist weder aufreizend, noch schockiert es. Dennoch wurde es als zu direkt empfunden, um in G2 publiziert zu werden.

Zum ersten Mal dachte ich in den frühen 90ern daran, mit den Vorstellungen zur weiblichen und männlichen Nacktheit zu spielen. Tatsache ist, dass ein Mann und eine Frau oben ohne nicht die gleiche Bedeutung haben. Um als Mann die Entblößung genauso zu erleben wie eine Frau, die oben ohne ist, muss er ohne Hosen erscheinen. Das war auch die Idee hinter meiner Serie "Like Brother, Like Sister", die ich 1992 für das i-D-Magazine gemacht habe und in der ich einen Mann und eine Frau nebeneinander gezeigt habe, sie oben, er unten ohne. Der Titel hatte nichts zu tun mit der Beziehung der beiden auf der Fotografie zueinander (beides Freunde von mir); es hat nur die Gleichheit von Mann und Frau festgehalten. Aber für die Manager von WHSmith (Anm: Buch- und Zeitschriftenhandelskette) wies der Titel auf Inzest hin, und die Bilder waren obszön. Diese Ausgabe von ID wurde nicht über die Geschäfte der Kette verkauft, was das Magazin fast zu Fall gebracht hätte.

Zwei Jahre später fotografierte ich ein anderes Motiv von Nackten für ein japanisches Magazin. Mein Foto für die Seite drei von G2 - "John and Paula, Sitting Bottomless" (John und Paula, sitzend und unten ohne) - ist aus dieser Serie. Das Magazin veröffentlichte "John und Paula, Sitting Bottomless", musste sich dafür aber zensurieren lassen. Und so erschien John mit einem großen, orangen Punkt, der seinen Penis abdeckte. Es ist wichtig, Akte dieser Art von Zensur auch zu zeigen - denn sonst bemerkt keiner, dass es tatsächlich passiert. Genau das war auch das Großartige an Todd Solondz Film Storytelling. Darin gibt es eine Sexszene, die so direkt ist, dass sie die Produzenten herausschneiden wollten. Aber Solondz hat das verweigert. Stattdessen hat er während der ganzen Szene große rote Balken über die Genitalien der Schauspieler geklebt. Jedes Mal, wenn sich der Schauspieler bewegt, bewegen sich auch die roten Balken mit. Das sieht einfach total lächerlich aus - aber es ist wesentlich besser, als wenn er die Szene völlig herausgeschnitten hätte.

Die Zensur ist wirklich von Land zu Land unterschiedlich. In Europa bilden die meisten Publikationen einen nackten Mann oder eine nackte Frau einfach ab. In Amerika ist das vollkommen anders. Seit dem Mapplethorpe-Skandal 1989 (seine Fotos von nackten Männern haben derartiges Aufsehen erregt, dass rechte PolitikerInnen in der Folge die Abschaffung von Subventionen für "obszöne oder unanständige" Kunst beschlossen) können es sich Galerien nicht mehr leisten, ein Risiko einzugehen. 1996 machte ich eine Installation für eine Gruppenausstellung im Museum of Modern Art in New York. Die ganze Arbeit wurde vom Kurator geprüft. Er hat alle nackten Frauen überblättert, aber jeder männliche Nackte wurde diskutiert, und gegen einige wurde Einspruch erhoben.

Es ist einfach lächerlich, dass vorgeblich vernünftige Menschen angesichts dieser Ungleichheit so blind sind. Und es ist nicht nur eine Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Zwei Männer, die sich im Fernsehen küssen, gelten noch immer als abstoßender als zwei Männer, die sich gegenseitig umbringen. Wie kann man etwas derart Scheußliches wie die Zerstörung von Menschen akzeptieren und dafür den Anblick küssender Männer als skandalös bezeichnen? Das ist nicht nur ärgerlich, das ist obszön.

Im Grunde werden die Vorstellungen von Obszönität über mächtige politische Interessen gelenkt. Sexualität ist, als eines der wenigen Dinge, absolut frei - Sex kann sich gut verkaufen, aber Sex zwischen zwei Menschen ist nicht vermarktbar. Es ist eine der wenigen Sachen auf der Welt, die Leute zum Spaß umsonst machen können. Eine Menge Leute haben Probleme damit - sie glauben, dass Sexualität kontrolliert werden muss.

Wenn Menschen ein Bild als obszön erachten, dann geschieht dies oft nicht, weil es jemanden nackt zeigt, sondern weil jemand zu sehen ist, der Macht besitzt. Seit Mitte der 90er-Jahre brüsten sich Jugendmagazine wie "The face" damit, dass sie in ihren Modegeschichten ständig die Grenzen ausweiten. In dieser Zeit erschienen eine ganze Menge sehr krasser, sexueller Fotos. Aber die Models waren immer ein Werkzeug männlicher Fantasien - sie wurden niemals als Wesen gezeigt, die Macht besitzen. Diese Fotos haben vielleicht geschrien: "Seht her, ich bin schockierend", aber ihre schlüpfrige Wildheit war reine Selbstbeweihräucherung. Diese Form der Modefotografie hatte alle Fehler der stinknormalen Seite-drei-Nacktfotos, wie sie in Boulevardblättern erscheinen.

Wenn Sex und Gewalt dazu verwendet werden, Menschen zu unterhalten oder etwas zu vermarkten, dann werden sie akzeptiert. Aber es ist der belanglose, nicht zielgerichtete Sex, der die Leute am meisten verstört und schockiert. Normalerweise, wenn Frauen fotografiert werden, biedern sie sich in gewisser Weise an. Die Leute stört das nicht, aber wenn selbstsichere, mächtige Frauen so gezeigt werden, dass sie Kontrolle über ihre Sexualität haben, dann fühlen sich die Leute bedroht. Und genau diese Fotos sind für mich harmlos, ja sogar unschuldig. Sehr seltsam, dass das unschuldigste Bild am heftigsten abstoßen soll.

Nacktheit ist so mächtig, dass ich versuche zu vermeiden, sie in meinen Fotografien ohne Grund zu verwenden. Und wenn ich sie doch verwende, dann möchte ich das nur auf entwaffnende - und gerade dadurch schockierende - Art und Weise machen. Ich möchte Menschen zeigen, die verletzbar sind, und gleichzeitig wissen, wer sie in ihren Körpern sind. Und das ist eine ziemlich heikle Sache der Darstellung, die ich nicht über Gebühr verwenden möchte - weshalb ich vielleicht drei Dutzend Fotos gemacht habe, auf denen Nacktsein eine Rolle spielt. Obwohl ich noch immer an nackter Gleichheit interessiert bin, habe ich nie mehr auf die "unten ohne"-Idee des Fotos von John und Paula zurückgegriffen, das ich im Jahr 1994 gemacht habe. Die Fotos, die ich damals gemacht habe, sprechen noch immer für sich, und es gibt keinen Grund, damit weiterzumachen. Vor zehn Jahren hätte ich die einfachen Tatsachen eines Frauenkörpers nicht so abbilden können wie auf dem Foto mit den gespreizten Beinen. Das bedeutete einen Schritt vorwärts für mich. Der Freundin, die für das Foto Modell gesessen ist, gefällt das Bild ausnehmend gut. Sie mag das Foto, weil es die Vagina als etwas zeigt, das tatsächlich existiert: nicht als Negativ, als Loch, wie sie in der Vorstellung vieler Männer vorkommt, sondern als Organ, das sich hervorwölbt. Und daran gibt es einfach nichts Obszönes. (DER STANDARD, Dossier vom 1.5.2004)

Übersetzung: Luzia Schrampf
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