"Starkes sexualisierendes Moment"

8. Juli 2004, 11:45
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Nacktheit ist nichts Natürliches, meint Kulturwissenschafterin Erika Fischer-Lichte im STANDARD-Interview

STANDARD: Frau Fischer-Lichte: Sind Mädchen und Frauen, die sich mit nacktem Bauchnabel zeigen, Speerspitzen einer Enttabuisierung von Nacktheit?

Fischer-Lichte: Nein, diese Diskussion war schon bei der Debatte um den Minirock verfehlt. Was damals der Minirock war, ist heute der Bauchnabel. Auch damals gab es die Diskussion, ob das nicht gerade in den Schulen ein zu starkes sexualisierendes Moment sei. Es geht hier weniger um Moralfragen als darum, ob innerhalb einer Lerngemeinschaft die Möglichkeit zu lernen durch sexualisierte Kleidung herabgesetzt wird.

STANDARD: Die Welt außerhalb der Schule scheint sich diese Frage nicht zu stellen.

Fischer-Lichte: Man muss den Unterschied beachten: Die Schule ist kein öffentlicher Raum, zu dem jeder Zugang hat, sie ist ein Schutzraum, in dem man lernen soll. Man müsste empirisch untersuchen, welche Folgen Entblößungen wirklich haben. Ob die männlichen Mitglieder der Schulen etwa im Unterricht beeinträchtigt werden. Wenn dem so wäre, dann müsste man etwas dagegen tun.

STANDARD: Heißt das, man muss Lehrer vor ihrer Sexualität schützen?

Fischer-Lichte: Nein, so würde ich es nicht sagen. Lehrer müssen sich selbst disziplinieren, es gilt für die Schüler; man muss allerdings zwischen den Geschlechtern in diesen Dingen einen Aushandlungsmodus finden. Mit den Jungen, die das Gewaltpotenzial in der Schule darstellen, muss man aushandeln, wie sie das in den Griff kriegen, und mit den Mädels muss man aushandeln, wie sie ihrerseits mit Reizen umgehen.

STANDARD: Man spricht derzeit von einer Pornografisierung der Popkultur. Sehen Sie da eine Gefahr?

Fischer-Lichte: Das sind Fragen der Interpretation. Es gibt ja auch manche, die behaupten, dass das Zeigen des Bauchnabels ein jungfräuliches Zeichen ist. Aus meiner Sicht greift die Diskussion zu kurz. Mit alten moralischen Wertvorstellungen geht man auf Phänomene zu, ohne empirische Grundlagen zu haben. Wir wissen nicht, was Nacktheit im öffentlichen Raum für Auswirkungen hat. Wir wissen aber, dass sie noch immer zu vehementen Irritationen führt.

STANDARD: Dabei hat die Enttabuisierung von Nacktheit bereits die Freikörperkultur im vergangenen Jahrhundert und die 68er-Bewegung propagiert.

Fischer-Lichte: Diejenigen, die das proklamiert haben, gehörten zur künstlerischen oder gesellschaftlichen Avantgarde. Deren Ansichten haben sich in der Gesamtgesellschaft nie ganz durchgesetzt. Auch heute noch ist es an amerikanischen Stränden nicht möglich, dass ich ein kleines Kind nackt herumlaufen lasse.

STANDARD: Trotzdem scheint es derzeit eine Art Rollback in Fragen Sexualität und Moral zu geben.

Fischer-Lichte: Ja, ich würde das durchaus auch so sehen. In amerikanischen Theatern ist es mittlerweile schon so, dass wenn eine Nackte oder ein Nackter auftritt, das dann draußen dransteht. Damit kein Zuschauer dem ungewarnt ausgesetzt sei, als sei Nacktheit etwas ganz Fürchterliches.

STANDARD: Es gibt die weit verbreitete Ansicht, Nacktheit sei etwas Natürliches. Ist diese Ansicht nicht ein Missverständnis?

Fischer-Lichte: Nacktheit und Kleidung sind immer mit kulturellen Werten belegt. Nacktheit ist natürlich keine natürliche Sache. Wobei man allerdings unterscheiden muss: Bei der Lebensreformbewegung im vergangenen Jahrhundert herrschte der Gedanke, dass der Körper generell befreit werden sollte. Die einschnürende Mode, die dem Körper keine Bewegung erlaubt, sollte abgeschafft werden. Es war keine Befreiung des Körpers hin zur Natürlichkeit, sondern eine Befreiung des Körpers hin zur Bewegung. Dazu gehörte auch der Sport, den man trieb. Dass das dann von einigen Leuten als Natürlichkeit beschrieben wurde, ist auch wieder kulturell zu verstehen, weil man ein positiv besetztes Label brauchte, um das, was man da tat, positiv verkaufen zu können. Seit dem 18. Jahrhundert gilt nun mal Natur und Natürlichkeit als Positivum.

STANDARD: Es gibt ein seltsames Paradox, was Nacktheit betrifft: Einerseits wird sie als etwas Natürliches dargestellt, andererseits wird sie maximal inszeniert.

Fischer-Lichte: Nacktheit tritt immer nur inszeniert auf. Ich habe in einem anderen Zusammenhang die These aufgestellt, Natürlichkeit sei immer das Resultat sorgfältiger Inszenierungen. Der Kontext, in dem Nacktheit erscheint, ihre kosmetische Bearbeitung, all das ist Teil ihrer Inszenierung. Es ist unsinnig, dem Körper eine Natürlichkeit zuzusprechen.

STANDARD: In der Werbung arbeitet man bevorzugt mit nackten Körpern und scheint sich dabei auf ein einfaches Reizreaktionsschema zu verlassen. Das funktioniert aber nur, wenn die Reize immer stärker werden. Was kann da noch kommen?

Fischer-Lichte: Diese Frage zielt darauf, ob wir nicht doch ein Rollback brauchen. In dem Moment, in dem Frauen ganz und gar verhüllt gingen, war das Zeigen des Fußes eine unglaubliche sexuelle Geste. Die Frage ist, in welche Richtung unsere Kultur geht. Wobei das nicht etwas ist, was unbedingt planbar ist. Vielleicht ist gerade dieses Rollback etwas, das man nicht vorhergesehen hat.

STANDARD: Brauchen wir mittlerweile eine Befreiung von jenen, die uns befreien wollen?

Fischer-Lichte: Nein, denn das käme wieder von außen. Ich glaube, jeder muss selbst sehen, welchen Weg er gehen will. Wenn viele sagen, sexualisierte Werbungen öden mich an, sie ekeln mich nicht an, und sie regen mich auch nicht auf, aber sie öden mich an, und deswegen kaufe ich die Produkte derjenigen, die so werben, nicht, dann wird der Effekt bald sichtbar sein.

STANDARD: Sie sehen dieses Rollback im Grunde also positiv.

Fischer-Lichte: Nein. Ich versuche als Kulturwissenschafterin zu verstehen, wie so ein Mechanismus entsteht. Positiv oder negativ, das ist eine andere Frage. Es könnte sich aus dieser Bewegung auch eine pseudomoralische Repression entwickeln, die ich ablehnen würde. (DER STANDARD, Dossier vom 1.5. 2004)

Von Stephan Hilpold

Erika Fischer-Lichte ist Kultur- und Theaterwissenschafterin an der FU Berlin und leitet ein Graduiertenkolleg zu "Körper-Inszenierungen".

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