Nabel und Welt

8. Juli 2004, 11:45
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Verschleiern und enthüllen - oder: Wie dem Westen vor lauter Befreiung der erotische Körper abhanden kam

Die Debatte um die Mode ist zurzeit in Europa von einer eigenartigen Gegenläufigkeit. Sie wird vom nackten weiblichen Bauch beherrscht, in dessen Mitte ein womöglich gepiercter, mit Edelsteinen bestückter, mit Tattoos verzierter Nabel prangt, aber auch vom muslimischen Kopftuch - kurz, von Fragen der Nacktheit, des Anstands und der Anstößigkeit, aber auch der Prüderie und der unfreien Weiblichkeit eines angeblichen, unterstellten religiösen Fundamentalismus. Es ist, als befänden wir uns in einem verzerrten orientalischen Nachbild von "Tausendundeiner Nacht". Dort stand der in der Öffentlichkeit verschleierten Frau, die die Pracht ihrer Haare und die Reize ihres Dekolletees bedeckte, um außer Haus nicht zur unerträglichen, unwiderstehlichen Versuchung für die Männer zu werden, die für die private Geselligkeit bestimmte Bauchtänzerin gegenüber, deren erotische Tänze um die Mitte ihres nackten Körpers, ihren nackten Nabel kreisten.

Mit beidem hatte die europäische Mode wenig zu tun. Denn die hohe Kunst der Mode liegt gerade darin, die Nacktheit der Reize zu sublimieren. Sie arbeitet nicht mit dem behavioristischen Reizreaktionsschema, sondern bringt Reize ins Spiel, um den sexuellen in einen erotischen Körper zu verwandeln. Was durch die Mode entblößt und doch verkleidet wird, sind nicht unmittelbar die platten Reize des Körpers, sondern ist die Erotik der Intelligenz. Wo dieser Umweg der Verführung unterlassen oder verstellt ist, auf dem sich die Geschlechter nicht einfach als Sexualwesen, sondern als jeweils dieser Mann und diese Frau finden oder verpassen, kann man nicht mehr von Mode sprechen. Dann befinden wir uns schon auf dem besten Wege zur Pornografie.

"Verrückter" Reiz

Nehmen wir als Beispiel Vivienne Westwoods berühmte Kokotte-Kollektion, die Busen und Po wunderbar modellierte - aber immer ein bisschen zu groß, einen Hauch verrutscht oder mit einer überdimensionalen Schleife, also kurz, den Reiz verrückte und verschob. Dieser Moment der Ver-rückung fiel auf die Trägerin zurück, die sich als Kokotte ausstellte, aber auch verstellte: durchaus zur Schau stellte, mit ihren Reizen spielte, ohne auf sie reduziert werden zu wollen. Wenn man, ein paar Saisonen später, in Westwoods Kostümen wie ein Opfer aussah, das knapp einer Vergewaltigung entronnen war, so mochte die Trägerin zwar diesen Appeal ausstrahlen, aber sie tat es mit einem Augenzwinkern, einem Lächeln, einem Erröten, einem Augenniederschlag. One has to be able to carry it off.

Der Mehrwert ist die Erotik der Mode, deren unwiderstehlicher Reiz darin liegt, das Reizreaktionsschema zwar aufzurufen, aber nur, um es zu virtualisieren. Eigentlich darf man fast alles zeigen und umgekehrt fast alles verschleiern, die Kunst ist nur, wie. Die Frau, die sich zeigt, macht sich nicht zum Sexobjekt, vielmehr begegnet sie dem Mann in der Mise en scène, dem Zurschaustellen dieses Ausstellens als Subjekt. Sie gibt seiner Intelligenz eine Chance. Es ist dieses umwegige Verhältnis der Geschlechter, was wir Zivilisation nennen, höflich und mit Manieren.

Puritanische FundamentalistInnen fühlten sich bei solchen Spielen immer sehr unwohl, wie auf spiegelglattem Parkett. Für sie gibt es die beiden ganz entgegengesetzten Patentlösungen: das Verbot, mit Reizen außerhalb des Schlafzimmers zu spielen, oder die grundsätzliche Negation aller Reize in der sexuellen Befreiung, der Gesundheit und schieren Natürlichkeit. "Komm, Ma, verbrenn deinen BH" war ja kein Schlachtruf zur Erhöhung erotischer Attraktion, sondern der Aufruf, sich endgültig von den Resten des angeblich ebenso einengenden wie krank machenden Korsetts zu befreien. Das ist der Weg, den der Westen breit beschritten hat, seit er mit Scham, Reiz und Sublimation kurzen Prozess gemacht hat. Die Freikörperkultur, Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden, um bis in das nächste Jahrtausend zu blühen und zu gedeihen, hat keinen Funken Zivilisation. Sie propagiert den neuen harmonischen Einklang zwischen nacktem Menschen und Natur, gesunden Sex inbegriffen. Sie ist von vornherein gedacht, Erotik, diese sumpfige Blume der Zivilisation, einzudämmen.

Nacktheit soll seither den Menschen vom zivilisatorischen Unrat reinigen. Unverschleiert, und das heißt nicht einmal epiliert, treten sich die Leute in den Weg. Endlich befreit von jeder erotisch krankhaften Erregung, die erst durch den bekleideten, kultivierten Körper entstanden sein soll, befreit von fataler Anziehung, befreit aber auch von aller Scham, zeigen sich Körper, die wahrhaftig nichts zu verstecken haben, auf den Wiesen des Berliner Tiergartens oder des Englischen Gartens im München dem verdutzten Flaneur, als wäre er im Paradies des heiligen Augustinus. Die Hunde, die dazwischen herumlaufen, ergänzen aufs Glücklichste diese Vorstellung der Vollendung.

Geheimes Spiel von Geist und Kleid

In solcher Trostlosigkeit, welche die westliche Befreitheit von unbegriffenen Mächten den kopftuchtragenden Frauen aufzwingen will, sind es die Fantasien aus "Tausendundeiner Nacht", die nun - welche Ironie der Geschichte oder auch List der Vernunft - schon zum zweiten Mal nach dem Modeschöpfer des Orientalischen, Paul Poiret, vor hundert Jahren für den Westen die entscheidenden neuen Impulse bringen, das geheime Spiel von Geist und Kleid neu beleben und die Fundamentalisten beider Couleurs, im einen wie im anderen Lager zum Narren zu halten. Die schleiertragenden Frauen beharren auf ihrer Scham, haben aber in den meisten Ländern längst das Kopftuch zum Modeaccessoire gemacht, das die verhüllten Reize umso verheißungsvoller sprechen lässt. Schon der Romantiker Gérard de Nerval hatte auf einer Orientreise diese Momente des Schleiers gepriesen (von den west-östlichen Intuitionen des alten Goethe ganz zu schweigen), in Sarajewo oder Aix-en-Provence kann man sie heute an jeder Ecke bewundern.

Was den nackten Bauch angeht, so ist ihm gelungen, was in Europa lange nicht mehr passiert ist. Er wird als anstößig von SchuldirektorInnen in Frankreich und Österreich verdammt und als Verstoß gegen das gute Benehmen gesehen. Aus Deutschlands freikörperkulturgestählter Totalaffektkontrolle, wie mit Norbert Elias vorauszusehen war, hat man von solchen Reaktionen noch nichts gehört. Wer, um Himmels willen, wäre noch so naiv, sich von Reizendem reizen zu lassen?

Da ist der nackte Bauch ja eine interessante Wahl. Er ist im Westen immer verhüllt gewesen und war außer dem berühmten Barthesschen Blitzen, das die nackte Haut zwischen zwei Stoffstücken aufscheinen lässt, fast unbekannt. Da dies fast gleichgültig jedes Hautstück meinen kann, war der Bauch, anders als der Busen oder der Po, vom Blitz des Enthüllens und Verhüllens selten betroffen. Als erotisches Signal wie der seit der höfischen Mode bis zu den Brustspitzen entblößte Busen oder später die Beine und der Po war der Bauch im Westen nicht etabliert. Er ist eine wahre Innovation.

Hinter dem Rücken

So mögen die jungen Frauen jenseits aller Befreiungs- oder Reizrhetorik einfach anziehen wollen, was ihnen Spaß macht, unbedacht dessen, was "sich gehört". Die List der Mode spielt - so diese Metapher hier erlaubt ist - hinter ihrem Rücken. Im Tabubruch, im Ineinanderweben von Orient und Okzident gelingt es schon seit alters und fast unschuldig, modisches, erotisches Kapital zu schlagen. (DER STANDARD, Printausgabe, ALBUM, Fr./Sa./So. 30. April/1./2. Mai 2004)

Von Barbara Vinken, Kulturwissenschafterin und Romanistin an der Universität Zürich.
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    So "sexy" sind Tennisspielerinnen: Serena Williams Bauchnabel beim US Open Match 2002.
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