Gerichtsgeschichte: Armelle (2000-2001) - Grobes muss geschehen sein

30. April 2004, 20:16
posten

"Wir haben hier ein totes Kind und wissen nicht, warum es gestorben ist", erklärt der Richter

Wien - "Wir haben hier ein totes Kind und wissen nicht, warum es gestorben ist", sagt der Richter resignativ. Es ist schon seine Bilanz. Der gut und gründlich geführte Prozess endet mit demselben Rätsel, mit dem er begonnen hat - und mit einem Freispruch für die junge Mutter. Man könne ihr weder Vernachlässigung noch Gewalt nachweisen.

Die 23-jährige zierliche Französin hat eine Serie von Martyrien hinter sich. Mit 20 hat sie einen ghanaischen Geschäftsmann geheiratet und Armelle, "ein Wunschkind", zur Welt gebracht. Die Psychologin hängt ihr dazu "pränatale und postnatale Depressionen" um. So begründen sich auch die Ernährungsprobleme mit dem untergewichtigen Baby. Ihr Mann war selten daheim. Die überforderte Mutter suchte immer wieder die Kinderärztin auf.

Es muss Grobes mit dem Kind geschehen sein

Im Mai 2001 muss Grobes mit dem Kind geschehen sein. Die Mutter erinnert sich (nur) an einen Sturz aus dem Stand, bei dem der Kopf gegen eine Metall-schwelle schlug, und an eine Beule auf der Stirn. "Armelle war sehr schlaff, hat wenig gespielt und kaum gelacht", sagt die Angeklagte. Zur Ärztin war sie damals nicht vorgedrungen, die (mittlerweile gekündigte) Ordinationshilfe hatte sie abgewiesen - im Glauben, mit dem Mädchen sei alles in Ordnung.

Als Armelle keine Nahrung mehr behielt, alarmierte die Mutter den Notarzt. Der stellte mehrere Schädelbrüche und ein ausgedehntes Schädelhirntrauma fest. Noch am selben Tag verstarb das Kind. Daraufhin wurde die schwer geschockte Mutter wegen Mordverdachts festgenommen. Drei Monate verbrachte sie in U-Haft, ehe sie gegen Kaution freikam.

Inzwischen ist sie von ihrem Mann geschieden, hat einen neuen Lebensgefährten - und ein drei Monate altes gesundes Baby. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 30.4.2004)

Share if you care.