Leicht lösbare Symphonik-Rätsel

29. April 2004, 21:05
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Über Englische Orchestergäste und Elgars "Enigma-Variationen"

Wien - Es ist tatsächlich höchst erstaunlich, womit man berühmt werden kann - und offenbar immer schon konnte. Der englische Organistensohn Edward Elgar (1857-1937) etwa mit 14 Orchesterminiaturen, in denen er verschiedene Personen aus seinem Freundeskreis charakterisierte.

Das Werk trägt den Titel Enigma-Variationen, was so viel wie Rätselvariationen bedeutet. Wobei das einzig Rätselhafte daran der durchschlagende Uraufführungserfolg sein mag, der dem Werk 1899 beschieden war.

Denn nach Anhörung der charmelos betulichen Klangskizzen könnte man diese bestenfalls für eine visionäre Porträtserie zweier noch vor kurzem hierzulande um das Präsidentenamt kämpfender Personen halten.

Auch die Tatsache, dass diese von berufenen Händen nachgezeichnet wurden, änderte nichts an diesem Eindruck. In Birmingham, woher das im Konzerthaus gastierende Orchester anreiste, war Elgar von Beginn seiner Karriere an so gut wie zu Hause. Und in Sir Simon Rattle hatte diese Mannschaft einen so fulminanten Trainer, dass sie auch noch unter dem sehr sachlichen Kommando seines Nachfolgers Sakari Oramo einen Staatskomponisten angemessen zu präsentieren vermag.

Nicht im gleichen Ausmaß lässt sich die Wiedergabe von Gustav Mahlers vierter Symphonie rühmen. Innerhalb von Mahlers symphonischem Schaffen könnte man dieses Werk als ein bukolisches Scherzo bezeichnen. Und als solches sind die englischen Gäste auch beschwingt an dieses herangegangen.

Die Schwerelosigkeit, die sich im Verlauf des Werkes von den diversen melancholisch-depressiven Anwandlungen nie so ganz verdrängen lässt, verlor sich in dieser Interpretation allerdings sehr schnell. Diese Eindruck wurde durch die nicht sehr flexible Dynamik verstärkt. Die thematische Wiederholungsfreude, eine architektonische Eigenart aller Mahlersymphonien, verblasste so zu fahler Monotonie. Durch Ano Komsi als nach anfänglichen Unsicherheiten stilgerecht schlichte Solistin erfuhr das Werk einen wohltuend konzentrierten Schluss.
(DER STANDARD, Printausgabe, 30.4./1.5./2.5.2004)

Von Peter Vujica
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