Grazyna

29. April 2004, 20:52
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Teil 24 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Wie gesagt: Jeder spielt sie anders. Und es kommt nicht immer auf den Platz im Spielfeld an. "Dass man etwas weiß, heißt nicht, dass man es weiß."
(Notiz, 1975)

Es gibt einen Gast, der keiner ist - die Art von Gästen, die Richard* leicht akzeptierte. Er nannte sie Grazyna und fragte nie nach Details, Vor- oder Nachname des Mannes, Freundes, und am wenigsten danach, ob sie existierten. Sie kam und kommt jeden Montag, kurz nach Mittag (früher als two thirty im Dritten Mann, aber ebenso verlässlich), holt rasch und geschickt Manuskripte, Notizen, Bücher, Zeitungen von dort weg, wo sie in Gefahr gerieten, unauffindbar zu werden, hebt die Münzen auf und schiebt die Glaskugel, in der der Schnee auch im April auf St. Petersburg fällt, wenn man sie schüttelt, in die Mitte.

Zu Ostern, Pfingsten, Weihnachten fährt sie nach Hause. "Nicht sehr weit weg", sagte sie einmal. Aber wohin? An einem ihrer Montage präzisierte sie die Gegend: "Auschwitz", sagte sie, "wo ich her bin." Und danach zum ersten Mal - es war kurz vor Ostern - eine Beifügung: dass das Gras nirgends so grün und der Himmel darüber nirgends so unverstellt und heiter sei, und die Schatten von Spaziergängern, Häuserschatten, Tierschatten, Menschenschatten. Ein großzügiger Himmel - so klang es.

Polnische Festtage wie Mariä Himmelfahrt, den Jahrestag der Verfassung, den der Unabhängigkeit, Fronleichnam, Erntedank mit Ährenkränzen, zehntägige Wallfahrten spiegelt der polnische Himmel wider, die Schiffe der weißen Flotte von Mai bis September, von Gizycko nach W¸egorzewo, Buchwald, Elbing, wie bemaltes Porzellan in Blau oder Grüngrau auf weißem Grund.

In manchen Gegenden die Muttergottes als Staatsbeschützerin, zu wenig Anarchie, aber der Himmel gibt nichts vor, lässt nur aus, was unscharf ist oder die Akzente verschiebt. Bars, Lokale, unkonventionell und reduziert. Und selbst die Phonetik spiegelt er: a=immer kurz, z=rz= französisches j, c=z wie in "Zeit".

"Auf Ihr Wohl!", "Diese Runde übernehme ich", "Ich habe hier Schmerzen", "Es war Ihre Schuld", "Wie viel kostet es?" Und am besten zuletzt: "nony suse" beim Champagner. Aber obwohl ich oft Lust darauf hätte, haben die Grazyna und ich uns noch nie zu einem gemeinsamen Glas Sekt verstiegen. Das Ende des Tages auf dem Friedhof wird der präziseste Moment für dieses Glas Sekt sein. Einer ist angekommen, wo er ohnehin schon ist, und endlich wieder zum Aufbruch bereit, der ihm zusteht.
(DER STANDARD, Printausgabe, 30.4./1.5./2.5.2004)

Anmerkung:

*) Gemeint ist: Richard Reichensperger, der Literaturkritiker des STANDARD, gestorben am 22. 4. 2004.

Dazu: ein Nachruf auf ihn von Elfriede Jelinek

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