Östlichste Stadt des reichen Europa

24. Mai 2005, 12:28
10 Postings

Erste Station der Reise durch das andere Europa ist Narwa in Estland - Beginn einer STANDARD-Serie - von Karl-Markus Gauß

Erste Station der Reise durch das andere Europa ist Narwa in Estland. Hier, an der Grenze zu Russland, leben Zehntausende, die nun nominell EU-Bürger werden, in Wahrheit aber Fremde im eigenen Land sind.

***

Was macht man in einer fremden Stadt im Winter, wenn man gegen Mitternacht eintrifft und das einzige Hotel geschlossen hat? Nun, man sucht die belebten Viertel zu finden, in der Hoffnung, dort die Nacht eher zu überleben, und gerät dann doch in die finsteren, wo sich alle möglichen Leute behilflich zeigen, dass es einem wider Erwarten tatsächlich gelingt.

Östlichste Stadt

Ist man nicht mit dem Auto unterwegs, scheint man nach Narwa immer nur in der Dunkelheit kommen zu können. Die Züge und Busse aus der Hauptstadt Tallinn fahren alle zu einem Zeitpunkt los, als würden sie die Fahrgäste vor der Fahrt in diese Stadt an der russischen Grenze abhalten wollen. Sieht man von den Ansiedelungen auf Zypern ab, das auf der inneren Landkarte der allermeisten Europäer allerdings als Land im Süden, nicht im Osten eingezeichnet ist, dann ist Narwa nach der Erweiterung der Europäischen Union deren östlichste Stadt.

Sie liegt am gleichnamigen Fluss, an dessen Ufer der Deutsche Ritterorden einst die gewaltige Hermannsfeste errichtete. Genau gegenüber ließ im 15. Jahrhundert Zar Iwan III. die Festung Iwanogorod erbauen, sodass sich seither zwei Trutzburgen über dem Fluss gegenüberstehen. Die Stadt muss einmal schön gewesen sein, doch im Zweiten Weltkrieg verlief hier die Frontlinie von Wehrmacht und Roter Armee und Narwa wurde bis auf drei klassizistische Häuser, die heute wie seltsame Mahnmale aus dem Beton- und Bunkerpanorama ragen, vollständig zerstört.

Moskaus Kommando

Nach 1945 wurde die Stadt im sowjetischen Stil neu errichtet und mit dem gegenüberliegenden Iwanogorod zu einem industriellen Zentrum der UdSSR ausgebaut, das für den Raubbau an der Natur und die enorme Luftverschmutzung berüchtigt war. Die Narwa war für 45 Jahre keine wirkliche Grenze, denn wie die zentralen Planungsbehörden es aus Moskau verfügten, wurden aus dem Osten ihres Reiches Russen nach Narwa übersiedelt, während die industriellen Produkte, die sie erzeugten, großteils den umgekehrten Weg zurück nach Russland gingen. Als Estland 1991 die Unabhängigkeit errang, lebten in Narwa 70.000 Menschen, von denen 68.000 Russen waren.

Estland wird gerne für den konsequenten Umbau einer Kommandowirtschaft zur liberalen Marktwirtschaft gepriesen. Mehr noch, es steht im Ruf, die Gesellschaft so rigoros modernisiert zu haben, dass das Land etwa bei der Digitalisierung der Verwaltung und dem Zugang zum Internet an vorderster Stelle ganz Europas rangiert. Tallinn liegt nur 80 Kilometer von Helsinki entfernt (von Narwa hingegen 240), und schon befürchten finnische Experten, dass bis zu zwanzig Prozent der jungen finnischen Akademiker und Geschäftsleute in den nächsten Jahren ins estnische Tallinn abwandern werden, weil dort die Lebenshaltungskosten gering, die Unternehmenssteuern nieder und die Aufstiegschancen groß sind.

Estland ist das kleinste Land des Baltikums, aber groß genug, dass darin zwei Welten Platz haben. Was immer man aus Estland an Erfolgsnachrichten zu hören bekommt, für Narwa, die drittgrößte Stadt des Landes, gilt es nicht. Von den 1,4 Millionen Menschen, die auf estnischem Territorium wohnen, sind rund 400.000 russischer Herkunft.

Die Staatsbürgerschaft wurde ihnen nach 1991 nur verliehen, wenn sie entweder Vorfahren nachweisen konnten, die bereits in der kurzen Ära des selbstständigen estnischen Staates während der Zwischenkriegszeit im Land lebten, oder wenn sie sich einer gestrengen Prüfung ihrer estnischen Sprachkenntnis unterzogen. Die meisten Russen wollten das nicht, und so leben gerade in Narwa Zehntausende, die ab 1. Mai nominell Bürger der Europäischen Union sein werden, aber selbst nicht wissen, ob die Vorzüge dieses Status auch für sie gelten, da sie ja keine estnischen Staatsbürger, sondern Fremde in einem Land sind, in das sie einst durch eine Okkupationsmacht verschickt wurden, das sie aber dennoch längst auch für das Ihre halten.

Die drei vom Kiosk

Semjon sah aus wie siebzig, aber er war so alt wie ich, knapp vor fünfzig. Nadeshda, seine Tochter, war gewiss schon an die dreißig, aber als Lolita, als albern kicherndes Schulmädchen hergerichtet. Rätselhafterweise schien Pjotr der Chef der drei zu sein, er sagte, er sei siebzehn, sah auch so aus und verließ uns immer wieder für kurze Zeit, vermutlich um von kleinen Drogenkurieren Geld in Empfang zu nehmen.

Ich traf die drei bei einem von Menschentrauben umgebenen Kiosk, der die ganze Nacht offen hielt, unweit der einzigen Statue Lenins, die in Estland nicht gestürzt wurde und die den Revolutionsführer zeigt, wie er mit ausgestrecktem Arm über den nahen Fluss, hinüber nach Iwanogorod, nach Russland weist.

Dort, ganz nah, unendlich fern, liegt heute ein anderes Land: Die "Brücke der Freundschaft", wie sie zu sowjetischen Zeiten genannt wurde, ist in den letzten Jahren zur Grenze geworden. Die EU hebt nämlich nicht nur Grenzen auf, sie schafft auch neue, und diese schneidet, aufgerüstet, damit sie den in Schengen verordneten Kriterien entspricht, mitten durch eine Doppelstadt. Semjon muss ein Visum beantragen, wenn er drüben seine Frau auf dem Friedhof besuchen möchte.

Mit geradezu auftrumpfender Bitterkeit erklärte mir Pjotr, dass Narwa die höchste Rate an Aidserkrankten in ganz Europa aufweise, und Nadeshda deutete kichernd auf die Nadeln, die überall in der Umgebung des Kiosks herumlagen. Während sich die jungen Leute von Tallinn in den Discos mit Ecstasy aufputschen, ist über Narwa das Heroin gekommen.

Ich schaute mir die Leute an, die wie ich die kalte Nacht am gleichermaßen hässlichen wie heimeligen Kiosk verbrachten, russische Junkies, Prostituierte, Obdachlose, Trinker wie Semjon, der in leitender Funktion in einem Großbetrieb tätig war, der gleich nach der Wende geschlossen wurde. Unter ihnen gab es keinen, der der daran dachte, über den Fluss hinüberzugehen und sich in Russland anzusiedeln.

Sie sind hier zu Hause und werden nicht fortziehen, obwohl sie heftig darüber stritten, ob sie, die keine Bürger Estlands sind, künftig eigentlich Anspruch haben, sich frei in der Europäischen Union zu bewegen. Das war gewiss kein schöner Ort, an dem mir nichts als hoffnungslose, traurige, empörende Geschichten erzählt wurden; dass ich mich in einer Geisterstadt befand, bemerkte ich aber erst, als die Elenden der Nacht verschwanden und die ersten Sonnenstrahlen auf eine verlorene, auf die östlichste Stadt des reichen Europa fielen. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.4./1./2.5.2004)

narva.ee

Zur jetzt Realität werdenden Erweiterung der EU um zehn Staaten hat der STANDARD einen österreichischen Schriftsteller eingeladen, subjektive Reisereportagen als Serie zu publizieren. Es sind dies "Wirtshausgespräche in der Erweiterungszone" eines Autors, der sich seit langem mit den bisherigen Rändern Europas beschäftigt.

Am Montag lesen Sie: Karl- Markus Gauß im lettischen Riga - Warzige Kiwis aus Georgien

  •  Die sagenhafte Narvaer Burg, ein Wahrzeichen der Region.
    tourismus estland

    Die sagenhafte Narvaer Burg, ein Wahrzeichen der Region.

Share if you care.