Frischer Wind aus dem Osten

30. September 2004, 15:15
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Wir haben viel zu gewinnen, wenn wir mit Bescheidenheit bereit sind, die Stärken des neuen Europa offen aufzunehmen - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Erster 1.Mai - nicht rote, sondern Europa-blaue Fahnen flattern im Frühlingswind. Willy Brandts Zitat "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört" wird ein großes Stück mehr Wirklichkeit. Für die "Generation €" aus West und Ost ein Grund zum Feiern - für viele aber ein Grund zum Fürchten: In Österreich hält nur ein Drittel die EU für eine gute Sache, 44 Prozent sind gegen die Erweiterung - wir liegen mit Franzosen und Belgiern an der Spitze der Skeptiker. Und die Angst in den Beitrittsländern vor Arbeitslosigkeit und Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage dämpft die Stimmung. Die hinkende Analogie zu Ostdeutschland wird gezogen, im Gegenzug überschlagen sich Berichte über Exportrelevanz und Wachstumsdynamik des neuen Europa - zu kurz kommt das wertvolle Gut, was wir importieren können:

Eine einmalige Aufbruchsstimmung:

Nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Eliten sind euphorisch - sondern vor allem die gut ausgebildeten 25- bis 40- Jährigen, die fest entschlossen sind, die gigantische Chance zu mehr Wohlstand zu realisieren. Zehntausende hoch motivierte, un-‑ ternehmerische und veränderungsfreudige junge Osteuropäer zieht es in den Westen, um sich fortzubilden oder zu arbeiten, und junge Westeuropäer in den Osten, fasziniert von einem "Hier-geht-noch-was"-Gefühl dank weniger Bürokratie und mehr unternehmerischem Spielraum. Gut gebildet und wissensdurstig sind sie: Während in der alten EU im Schnitt 63,5 Prozent einen höheren Bildungsabschluss haben, sind es in Tschechien 86,1, in Estland 84,7, knapp gefolgt von Polen, Letten und Litauern. Ihr Wissen, gepaart mit Bescheidenheit und Zukunftsglauben, bringt die Dynamik, die das alte Europa dringend braucht.

Heilsamer Druck auf die Wettbewerbsfähigkeit:

Was Wachstumsstärke, Veränderungstempo, Liberalisierung und Steuerpolitik angeht, fordern uns die neuen Länder heraus und sorgen durch den Wettbewerb um Standorte und Absatzmärkte für mehr Wettbewerbsfähigkeit der EU - eine Vitaminspritze für den erlahmten Lissabon-Prozess. Die neuen Länder tragen ein Viertel zum Wachstum des gesamteuropäischen BIP bei und sind zum zweitgrößten Handelspartner der EU aufgestiegen. Das Länderkreditrating hat sich in zehn Jahren vom Junk-Bond- Status auf BBB+ verbessert - was weitere Investitionen anziehen wird. Allein die Direktbeihilfen aus Brüssel werden auf 14 Mrd. Euro jährlich verdreifacht. Diese werden die EU als Ganzes stärken, wenn sie nicht in Konservierung, sondern in die Schaffung einer intelligenten Arbeitsteilung innerhalb des gemeinsamen Wirtschaftsraumes investiert werden.

Mehr kultureller Reichtum:

Jean Monnet soll gesagt haben, man solle mit der Kulturintegration anfangen, nicht mit Kohle und Stahl. Er wusste, dass die großen europäischen Konflikte oft im Namen der Kultur geführt wurden und dass die Kultur Nährboden des wirtschaftlichen und politischen Zusammenwachsen Europas ist. So haben die Beitrittsländer als erstes Gemeinschaftswerk das "Kulturjahr der Zehn" auf den Weg gebracht. Wahr ist jedoch, dass die wirtschaftliche Integration sehr weit fortgeschritten ist und durch den Beitritt eine Beschleunigung erzielen wird - denn auch die risikoscheuen, kleineren Unternehmen werden nun Mut zum Einstieg fassen. In puncto Kultur können wir jedoch nur dann vom ersten Tag an profitieren, wenn wir den Wert in der Vielfalt und nicht in der Einheit sehen und fördern. Wir haben viel zu gewinnen, wenn wir mit Bescheidenheit bereit sind, die facettenreichen Stärken des neuen Europa offen aufzunehmen und die Wünsche und Hoffnungen unserer Nachbarn zu unseren eigenen machen. Als "Tag des Aufbruchs" lohnt es sich dann, den 1. Mai gemeinsam zu feiern.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
  • Artikelbild
    foto: derstanfdard.at
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