Ära Schrempp bei DaimlerChrysler

15. Juli 2004, 09:42
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Frankfurt - Der seit fast neun Jahren amtierende Vorstandschef von DaimlerChrysler, Jürgen Schrempp, ist nicht erst mit dem Scheitern des Engagements bei Mitsubishi Motors höchst umstritten. Der 59 Jahre alte Manager hat in seiner Karriere etliche Rückschläge einstecken müssen.

Unter seiner Führung wandelte sich die Daimler-Benz AG vom Technologiekonzern seines Vorgängers Edzard Reuter zum reinen Automobilbauer DaimlerChrysler mit globaler Ausrichtung. Nach den herben Dämpfern für seine "Welt AG" hat Schrempp, der bei Anlegern angesichts des drastisch geschrumpften Unternehmenswertes auf derzeit nur noch rund 40 Mrd. Euro seit längerem keinen guten Stand hat, nach Angaben aus mit der Situation vertrauten Kreisen seinen Rücktritt angeboten.

Es folgt eine Chronik der Ära Schrempp an der Spitze des Stuttgarter Automobilbauers DaimlerChrysler:

1995: MAI: Schrempp wird Nachfolger von Edzard Reuter als Vorstandschef und übernimmt einen Technologiekonzern mit erheblichen Problemen.

1996: JÄNNER: Außerordentliche und operative Verluste haben sich 1995 trotz Gewinnen der Autosparte zu einem Gesamtminus von 5,7 Mrd. DM addiert. Nach dem von Experten skeptisch beäugten "Befreiungsschlag" leitet Schrempp eine Radikalkur mit dem Verkauf zahlreicher Beteiligungen ein.

1997: AUGUST: Daimler Benz erhöht Beteiligung bei Smart (bis 1998) auf 100 Prozent. OKTOBER: Die neue A-Klasse wird mit dem Elektronischen Stabilitätsprogramm (ESP) nachgerüstet, nachdem ein Testwagen in Schweden beim "Elchtest" umgekippt war.

1998: MAI: Schrempp kündigt Fusion mit dem drittgrößten US-Autohersteller Chrysler an und sorgt weltweit für Schlagzeilen. NOVEMBER: Die Fusion zur DaimlerChrysler AG ist perfekt. Das neue Unternehmen hat einen Börsenwert von 76 Mrd. Dollar. Schrempp und Chrysler-Chef Robert J. Eaton führen den Giganten zunächst gemeinsam. Kursgewinne bleiben aus, die Zusammenführung erweist sich als kompliziert.

2000: MÄRZ: Eaton verlässt den Konzern, Schrempp bleibt alleiniger Konzernchef. SOMMER/HERBST: Die Konzentration wird fortgesetzt mit dem Verkauf der Telefongesellschaft Debitel und der Einbringung der Luftfahrttochter Dasa in den neuen EADS-Konzern. Die Bahntechnik-Tochter Adtranz geht an Bombardier. SEPTEMBER: Mit dem rund 2,2 Mrd. Euro teuren Einstieg bei Mitsubishi Motors in Japan (34 Prozent Anteil) will sich DaimlerChrysler den Zugang zum wachsenden asiatischen Automobilmarkt sichern. Zugleich werden rund zehn Prozent an der koreanischen Hyundai Motor erworben. NOVEMBER: Nach Verlusten im dritten Quartal entlässt Schrempp Chrysler-Chef James Holden und bestellt den bisherigen Nutzfahrzeug-Chef Dieter Zetsche aus Stuttgart zum Nachfolger. In einem Interview der "Financial Times" wird Schrempp zitiert, es sei nie ein "Zusammenschluss unter Gleichen" mit Chrysler geplant gewesen. Schrempp distanziert sich später von dem Zitat. Dennoch erhebt der einst größte Chrysler-Einzelaktionär Kirk Kerkorian eine Schadensersatzklage, weil er sich bei der Fusion getäuscht und übervorteilt sieht.

2001: APRIL: Trotz guter Geschäftszahlen erheben Aktionäre auf der Hauptversammlung erstmals Rücktrittsforderungen gegen Schrempp. MAI: Mitsubishi Motors und die US-Nutzfahrzeugtochter Freightliner müssen Verluste ausweisen.

2002: FEBRUAR: Schrempp verantwortet einen Jahresverlust 2001 von netto 662 Mio. Euro nach einem Vorjahresgewinn von fast acht Mrd. Euro. SEPTEMBER: Das Konsortium Toll-Collect von DaimlerChrysler und Deutsche Telekom bekommt den Zuschlag für den Bau eines Lkw-Mautsystems, das auch Anfang 2004 nach mehrmaligem Verschieben noch immer nicht wie geplant gestartet werden kann.

2003: FEBRUAR: DaimlerChrysler weist für 2002 wieder einen Gewinn von 4,7 Mrd. Euro aus. NOVEMBER: Mit dem Verkauf des Flugtriebwerkeherstellers MTU Aero ist DaimlerChrysler - abgesehen von der EADS-Beteiligung - nur noch im Fahrzeugbau tätig. DEZEMBER: Der Prozess von Kerkorian gegen DaimlerChrysler beginnt in Wilmington im US-Bundesstaat Delaware. Zuvor hatte der Konzern mit einem Vergleich über 300 Mio. Euro eine Sammelklage anderer ehemaliger Chrysler-Aktionäre abgewendet.

2004: FEBRUAR: Der Vertrag von Schrempp wird um drei Jahre bis 2008 verlängert. Der Gewinn brach 2003 auf 448 Mio. Euro ein. APRIL: DaimlerChrysler entscheidet, sich nicht länger bei Mitsubishi finanziell zu engagieren. Schrempp gerät öffentlich unter Druck, er soll dem Aufsichtsrat bereits selbst seinen Rücktritt angeboten haben. (APA/Reuters)

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