Das geht auf den Sender

9. Juni 2004, 14:35
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Fröhlich, schrill bunt und ziemlich elegant kommen sie daher: Die Radios der neuesten Generation sind unverzichtbare Lifestyle-Tools

Kaum ist der Frühling da, bevölkert eine überschaubare, aber nicht zu überhörende Gruppe von Nonkonformisten Balkons, Parks und Radwege. Entgegen dem allgemeinen Trend zu technisch perfekten Walkmans, die das Musikhören unterwegs zur absoluten Privatsache machen, bringen die Fans portabler Radiogeräte ihre Mitmenschen durch Zwangsbeschallung mit Mainstream auf die Palme. Wer sich schon von gedämpft dröhnenden Bässen aus dem Kopfhörer seines U-Bahn-Gegenübers belästigt fühlt, kommt besser keinem Kofferradioträger in die Quere. Denn die sind betont sendungsbewusst und beglücken ihre Umgebung gnadenlos mit allem, was ihnen gerade über den Empfänger läuft - von Rock bis Pop und zurück.

Die neue Generation tragbarer Radios hat wenig gemein mit den riesigen schwarzen Klötzen der Siebzigerjahre. Penetrant fröhlich wie ihre Besitzer kommen sie daher. Orange, Neongrün, Königsblau, es gibt kaum einen leuchtenden Farbton, in dem die poppigen Nervtöter nicht auftauchen. Meist in sehr kompakten Formen, damit man die Spaßmacher immer dabei haben kann. Auch und vor allem im öffentlichen Raum. Nach dem Motto: Was meinem mobilen Lebensstil nicht standhält, taugt nicht viel. Wer es ein wenig diskreter mag, nutzt die kabellosen Begleiter innerhalb der eigenen Wohnung, bevorzugt in Zimmerlautstärke: als Wachmacher am Frühstückstisch, zum Aufbessern der Bügellaune und als Hintergrundgedudel beim Surfen im Internet.

Die meisten der kleinen, bunten Kisten sind unempfindlich gegen Wasserspritzer und deshalb auch für die musikalische Unterhaltung im Badezimmer geeignet. Oder für die erste Nachrichtensendung des Tages während der Morgendusche. Das grün-silberne Shower Radio "Oyster" von Phoenix Product Design ähnelt - wie der Name schon sagt - einer Muschel, ist aber nicht nur für den Strand gedacht. Wer sich traut, kann es mit dem Saugnapf an die Badkacheln kleben und warten, was passiert. Weniger Mutige hängen das organisch geformte Radio gleich an seinem Plastikhaken auf.

Mit dem ebenfalls nicht wasserscheuen "Thyko Radio" der französischen Firma Lexon begann im Jahr 2000 der Trend zu Spaßradios, die alles mitmachen. Damals prangte das brandneue Gerät farbenfroh auf dem Cover des Times Magazine mit dem Titel "Wiedergeburt des Designs", und nicht wenige Leser fragten sich, was das wohl zu bedeuten habe. Das inklusive seiner Lautsprechermembrane aus Silikon bestehende Thyko Radio hat es mittlerweile nicht nur in zahlreiche Bäder, sondern auch in die bedeutendsten Designmuseen der Welt geschafft. Meist in der bekannten Version mit blauem Korpus und oranger Antenne. Retro-Freaks tragen es in den Kontrastfarben ihrer Secondhandhemden als modisches Accessoire unter den Arm geklemmt.

Ebenfalls bei Lexon produziert wird Philippe Starcks Radio "Ici Pari". Es ist aus Aluminium mit einer Gummioberfläche in den Farben Pink oder Blau. Bei diesem Entwurf bedient sich der Designstar aus Frankreich wie so oft der Übertreibung: Ein überdimensionaler Lautsprecher erinnert an den Trichter eines Grammophons und damit an eine Epoche, die Lichtjahre vom digitalen Zeitalter entfernt scheint. Trotz des historischen Zitats zeigt Starck mit seiner klaren Gestaltung, was die Zeit geschlagen hat. Nicht nur wegen der Weckfunktion. Für Frischluftfanatiker, die beim Spaziergang gerne einer freundlichen Stimme lauschen, ohne antworten zu müssen, ist das Outdoor-Radio von Tivoli Audio gemacht. Nicht zufällig kürzte der amerikanische Hersteller sein Personal Audio Laboratory mit "Pal", wie Kumpel, ab. Immerhin muss man seiner Umwelt mit dieser Freundschaft nicht permanent auf den Sender gehen, bei etwas Feingefühl setzt man dann und wann den Kopfhörer auf. Wer das Outdoor-Radio in Innenräumen aufdreht, kann es mit der AUX-Eingangsbuchse an einen CD-Player anschließen und gar zur Partybeschallung mit heißen Rhythmen nutzen.

Warum bekennende Individualisten witzige Kompaktradios ausgereiften Hi-Fi-Anlagen mit Heimkinoqualität vorziehen, bleibt dem rational denkenden Zeitgenossen ein ewiges Rätsel. Grelle Geräte wie Oyster, Thyko Radio oder Pal sind laut, selbst wenn sie abgeschaltet sind. Wer sich mit einem der bunten Nischenprodukte in der Öffentlichkeit zeigt, demonstriert nicht nur seine Hippness, sondern auch seine Anti-Haltung. Vor dreißig Jahren gab es keine Alternative zum tragbaren Transistorgerät - heute schon. Wer sich beim mobilen Musikgenuss gegen leistungsstarke Microgeräte wie das Sony Walkman Radio SRF-M10 entscheidet, das elegant gestaltet und kaum größer als eine Streichholzschachtel ist, tut es bewusst.

Ein langfristiger Aufstand

Die Liebe zu den aufmüpfigen Radios ist keine vorübergehende Laune, sondern ein langfristiger Aufstand gegen den fortschreitenden Multifunktionswahn in der Audio-und Videolandschaft. Kein Wunder, dass man die farbenfrohen Rundfunkempfänger eher in Designkatalogen als im Elektronikfachhandel findet. Richtig in Schwingung geraten die Perfektionsverweigerer unter den Konsumenten aber erst, wenn sich die Sonne den ganzen Tag lang am Himmel zeigt. Dann erobern sie auch Swimmingpools und Badeseen, drehen die Lautstärkeregler an ihren emotional gestalteten Einzelgeräten auf volle Leistung und genießen das gute Gefühl, ein klein wenig anders zu sein. (DER STANDARD/rondo/Heike Edelmann/30/04/04)

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  • Duschradio Oyster

    Duschradio Oyster

  • Thyko Radio

    Thyko Radio

  • Starcks Ici Pari

    Starcks Ici Pari

  • Sonys SRF-M10

    Sonys SRF-M10

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