Mit dem Tiefgang des Neusiedler Sees

30. April 2004, 13:22
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Die Band Garish gastierte im Chelsea

Wien - Sich auf eine Bühne zu stellen und mittels selbst formulierter, oft etwas ungelenker Prosa über sein Gefühlsleben zu berichten, gehört sicher zu jenen Dingen im Leben, die man als Durchschnittswastl tunlichst zu vermeiden sucht. Die aus dem Burgenland kommende Band Garish tut genau das schon drei Alben lang - mit stetig größer werdendem Erfolg.

Umso beachtlicher dabei erscheint die Tatsache, dass zwecks Erleichterung dieser Aufgabenstellung nicht etwa die englische, also die Popsprache schlechthin als erleichternder Distanzkeil dazwischen geschoben wird, sondern Sänger Thomas Jarmer in zu sich selbst gnadenlosem Deutsch vorträgt.

Damit reüssiert die Band zusehends auch in deutschen Landen, und dank der Unterstützung des Jugendsenders FM4 besitzt Garish auch hierzulande eine beachtliche Fangemeinde - wie ein an zwei Tagen ausverkauftes Chelsea beweist. Was auf den Alben wie dem aktuellen, im Februar erschienen Absender Auf Achse einigermaßen stimmig funktioniert, erwies sich am Dienstag bei seiner Liveaufführung als Bauchfleck in der Pfütze der Peinlichkeit.

Den oft vom Einton-Keyboard geführten Songs konnte der bärtige Frontmann im 70er-Jahre-Tapetenmusterhemd keinen Nachdruck verleihen. Stimmlich limitiert, suchte Jarmer sein Heil ausgerechnet in oft eunuchisch hohen Tonlagen und brachte seinen von sich selbst ergriffenen Vortrag damit in die Nähe der Karikatur seiner selbst, der bezeichnende Songzeilen wie "Ich singe vor mich hin" einen endgültig unfreiwillig kabarettistischen Beigeschmack verliehen.

Banalitäten wie "Mein Weg führt mich weit, weit fort von dir" erinnerten eher an Udo Jürgens als an eine Popband, die schon einmal als "die heimischen Radiohead" bezeichnet wurde. Auch am Akkordeon vermochte Jarmer nicht mehr zu bieten als trockene Seemannsträume vom Neusiedler See.

Wie dem Steppenlackerl mangelte es auch diesen Songs an Tiefe, erinnerten die verhandelten Themen an Erlebnisaufsätze aus Käpt'n Iglos Tagebuch. Der Rest der Band erging sich in konformem, drucklosem Rock, der nur in raren Momenten eine Ahnung zuließ, wie Garish wohl klingen könnten, wenn sie etwas mehr Pfeffer und Sänger Jarmer wenigstens etwas Charisma hätten.

Diese elementaren Defizite machten die sensible Geschwätzigkeit zwischen den Songs nicht wett - geschweige denn die Strafverschärfung von drei Zugaben.
(DER STANDARD, Printausgabe, 29.4.2004)

Von Karl Fluch
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