Vereiste Gesellschaft im Feuer der Macht

28. April 2004, 22:48
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Andrea Breth, Regisseurin der "Don Carlos" Burg-Premiere, über Schillers Modernität

Am 30. April hat "Don Carlos" Burg-Premiere. Im Gespräch mit Klaus Dermutz, das wir gekürzt aus dessen Burgtheater-Buch "Der Augenblick der Liebe" (mehr dazu unten) entnehmen, erläutert Regisseurin Andrea Breth Schillers Modernität: Er zeige das Zusammenbrechen der Kommunikation.


Ihre erste Inszenierung eines Dramas von Friedrich Schiller war Kabale und Liebe 1984. 2001 folgte Maria Stuart, und nun befinden Sie sich in den Proben zu dem "dramatischen Gedicht" Don Carlos, Infant von Spanien, das am 30.April, 18 Uhr, im Burgtheater Premiere hat. Was interessiert Sie an der Welt dieses Dramatikers?

Andrea Breth: Man kann die genannten Dramen Schillers nicht miteinander vergleichen, nur weil sie vom selben Autor geschrieben wurden. Man kann auch nicht sagen, man weiß, wie man Tschechow inszeniert, nachdem man ein Tschechow-Stück gemacht hat. In Kabale und Liebe gibt es, anders als bei Don Carlos, zwei Klassen, die bürgerliche und die adelige oder feudale Welt. In Don Carlos gibt es keine Bürger. Die Frage der Klassen interessiert Schiller in Don Carlos nicht.

Er zeigt eine Gesellschaft, die ein gewisses System entwickelt hat: Philipp (Anm.: der spanische König, in der Burg gespielt von Sven-Eric Bechtolf) und die Inquisition sind eine perfekte Behörde im kafkaesken Sinne, die gut funktioniert. Philipp hat dieses System lange betrieben und spürt nun eine große Entfremdung. Er ist auf der Suche nach einem Menschen. Und was passiert mit diesem Menschen, der Posa heißt? Er hat eine ziemlich präzise Vorstellung davon, wie das System verändert werden müsste.

Durch die unerwartete, unmittelbare und unfassbare Begegnung mit Philipp und die große Macht, die ihm überantwortet wird, befällt Posa die Lust auf Macht wie ein Virus. Man muss sich fragen, warum Posa plötzlich eine so merkwürdige Eigeninitiative startet. Es grenzt an Größenwahn, was er treibt. Er glaubt tatsächlich, dass er Philipp, einen absoluten Könner auf seinem Gebiet, austricksen könnte. Und warum informiert Posa seinen besten Freund Carlos nicht über seine Unternehmungen?

Diese Frage interessiert mich an Don Carlos: Die Figuren merken gar nicht mehr, wie entfremdet sie alle schon sind. Sie sind es gar nicht mehr gewöhnt, einen spontanen Satz zu sagen. Sie interpretieren jeden Satz, jede Geste. Alles wird untersucht und verschoben.

Kann man überhaupt wahrnehmen, ohne zu interpretieren?

Breth: Im Theater ist das Ihr gutes Recht. Aber wenn im Leben jedes "Guten Tag" oder "Nicht-Guten-Tag" gedeutet wird, ehe ich überhaupt offen wahrnehme, was läuft, wird es schwierig. Wenn man ständig überlegt, wer mit wem im Bunde ist, und sich sagt, dieses Bündnis drehe ich um und hier zettle ich etwas an, um da etwas zu erreichen, geraten wir in die Situation, die in Don Carlos beschrieben wird: die Entfremdung.

Es gibt keine direkte Kommunikation mehr?

Breth: Nein. Und damit sind auch Werte wie Freundschaft infrage gestellt. Niemand traut mehr dem anderen. In Überwachungssystemen, wie wir sie Gott sei Dank nicht erlebt haben, kann man nicht einmal seinen engsten Verwandten und Freunden vertrauen. Man kann nur ahnen, wie gepeinigt die Menschen in der DDR waren, wo man nicht wusste, ob das Telefon abgehört wird oder die Briefe gelesen werden. In Don Carlos wird eine völlig vereiste, reglementierte und überwachte Gesellschaft beschrieben. Es ist darin der Wunsch des Dichters und einer ganzen Generation zu erkennen, dass sich dringend etwas ändern muss.

In Don Carlos interessieren mich das Behördensystem, die Netzwerke. Wenn ich mir bestimmte Gestalten anschaue, wie den von der Damenwelt angeblich so geschätzten derzeitigen österreichischen Finanzminister, habe ich den Eindruck, dass an dem schlicht und ergreifend alles abperlt. Man weiß am Ende gar nicht mehr, wer mit wem verschwägert und verbündet ist. Man sehnt sich entsetzlicherweise nach einem einzigen Schuldigen, einem Feind, denn dann weiß man wenigstens, wohin eine Entwicklung geht.

Das ist das neue Gesicht der Macht: Man kann gar nicht mehr sagen, wer schuld ist und zur Verantwortung gezogen werden kann. Die Rechtsprechung tut so, als stochere sie im Nebel und könne zu keinen Ergebnissen kommen. In dieser Welt ist das Überleben nur dadurch zu sichern, dass man noch kälter, noch raffinierter wird.
Breth: Man macht mit, sonst müsste man aussteigen. Aber in diesem Fall kann man das System nicht verändern - man muss in die Institution, um eine Veränderung zu erreichen.

Und die Veränderbarkeit der Welt?

Breth: In Don Carlos ist sie nicht gegeben. Und ich muss Ihnen ehrlich sagen, ich glaube auch nicht daran. Es wird immer wieder solche Bewegungen geben, hoffentlich. Aber entsetzlicherweise enden die Veränderungen desaströs. Danach sitzen neue Leute im Sattel und werden genauso grauenhaft oder noch grauenhafter.

Warum vollzieht sich jeder Machtwechsel nach der gleichen Dynamik?

Breth: Mein Vater hat immer gesagt, der Mensch ist der einzige Irrtum in der Schöpfung. Alles andere ist wirklich toll. Es gibt wunderbare Tiere, Schmetterlinge, wunderbare Blumen, alles ist herrlich. Aber der Mensch . . .

Der Mensch ist, wenn man schöpfungstheologisch denkt, durch Gottes Liebe erschaffen worden.

Breth: Das ist übrigens interessant in Maria Stuart. Die Königin Elisabeth spricht hauptamtlich mit ihrem Gott. Philipp sagt nicht Gott, sondern Vorsehung. Wenn Philipp nach Posa sucht und sagt, gib mir einen Menschen, spricht er von Vorsehung.

Also?

Breth: Also? - Das ist ein gutes Schlusswort (lacht).


Die Gefühlsmaschinistin
Die Burg würdigt ihre Regisseurin Breth

Wien - 230 Seiten erscheinen kaum ausreichend für ein derart düsteres, zerklüftetes, dabei vernunftgeleitetes und im besten Wortsinn unzeitgemäßes Regiewerk wie dasjenige von Andrea Breth.

Die Biografie Der Augenblick der Liebe, der nunmehr sechste Band der im Residenz Verlag erscheinenden edition burgtheater, versammelt neben durchwegs erhellenden Gesprächen mit Autor Klaus Dermutz (siehe nebenstehendes Interview aus aktuellem Anlass) auch Textbeiträge von Burg-Direktor Klaus Bachler und Autor Albert Ostermaier, dessen Gesellschaftszerfallskomödie Letzter Aufruf Breth vor zwei Jahren unter beträchtlichem Materialaufwand im Arsenal uraufführte: als Höllen-Lounge-Tanz im Nirgendwo des Flugverkehrs.

Bachlers Einleitungsaufsatz verhandelt nicht nur seine innige Freundschaft mit der als schwierig geltenden Künstlerin. Der Direktor würdigt Breths unverzichtbare Ko-Lotsenrolle für den schwer manövrierbaren Ozeandampfer Burg. Bachler: "In den vielen Kammern und Ebenen dieses Schiffes ist Andrea bis heute eine bestimmende Kraft, gleichermaßen im Maschinenraum und an Deck." (poh / DER STANDARD, Printausgabe, 29.4.2004)

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    Andrea Breth, 1952 in Rieden bei Füssen geboren, verkörpert die aussterbende Gattung der bis zur Besessenheit textgenauen Theaterregisseurin.

    Nach Stationen u.a. in Bremen, Hamburg und Freiburg gehörte sie 1990-92 bereits einmal der Wiener Burg-Direktion an. In den folgenden Jahren leitete sie die Berliner Schaubühne, um 1999 wieder Klaus Bachlers Ruf an die Burg zu folgen.

    Zuletzt inszenierte sie die famose Erstaufführung von Edward Albees "Die Ziege oder Wer ist Sylvia?" am Akademietheater.

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