Ansteckende Krankheiten feiern fatales Comeback

28. April 2004, 18:32
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Alte treten wieder verstärkt auf, neue gesellen sich hinzu - Schuld hat einmal mehr der Mensch, nicht zuletzt die moderne Medizin selbst

Der Mensch wird den Kampf gegen Infektionskrankheiten nie gewinnen. Gegen Pocken scheint zwar der finale Schlag gelungen zu sein, auch Polio und Masern dürften besiegbar sein. Aber Dutzende teils tödliche Bakterien und Viren trotzen ihrer Ausrottung. Der aktuelle Trend: Alte Infektionskrankheiten treten verstärkt auf, neue gesellen sich hinzu.

Die jüngsten Zahlen sind alarmierend: Im Jahr 2001 starben laut WHO 15 Millionen Menschen an Infektionskrankheiten - mit 26 Prozent aller Sterbefälle weltweit die führende Todesursache. Allein Aids, Tuberkulose, Malaria, Diarrhöen und Atemweginfekte sind für 78 Prozent dieser Todesfälle verantwortlich.

Und in Österreich? Von 2,4 Millionen stationärer Aufnahmen im Jahr 2001 erfolgten laut Statistik Austria 224.000 wegen Infektionskrankheiten. Von allen 41.235 in diesem Jahr in Anstalten gestorbenen Patienten erlagen 4682 irgendwelchen Infektionen: Das sind gut elf Prozent aller Todesfälle in heimischen Spitälern.

Die Sterbestatistik veranschaulicht jedoch nur einen Teil der Bedrohung. Nimmt man "vergessene Infektionskrankheiten" dazu, deren Mortalität zwar relativ gering ist, die aber zu bleibenden Schäden führen, sieht das Bild düsterer aus: Allein an Schistosomiasis, Meningitis, Onchozerkosen, Elephantiasis, Leishmaniasen und Lepra erkranken jedes Jahr Millionen. An den Folgen - amputierte, weil abgestorbene Gliedmaßen, Blindheit, Entstellungen, körperliche Entwicklungsschäden, geistige Behinderungen - leiden laut einer von der Weltbank finanzierten Studie eine Milliarde Menschen.

Das Horrorszenario ist damit aber noch immer nicht fertig gezeichnet: Hinzu kommen bösartige Erkrankungen, deren Ursache Infektionen sind. Von 482.400 Lebertumoren, weltweit analysiert von der International Agency for Research on Cancer (IARC) im Jahr 2000, wurden 55 Prozent durch das Hepatits-B- und 31 Prozent durch das Hepatitis-C-Virus verursacht, fast alle 471.000 Cervixkarzinome durch Papillomaviren und die Hälfte der 442.000 Magentumoren durch Helicobacter pylori. Laut IARC werden bereits 26 Prozent aller Krebserkrankungen in Entwicklungsländern und acht Prozent aller Tumoren in Industrieländern durch Infektionen verursacht.

Was aber ist die Ursache dafür, dass Infektionskrankheiten eine zunehmende Gefahr darstellen, in den letzten 20 Jahren 30 neue Viren und Bakterien aufgetaucht sind? Die Antwort ist ernüchternd: der Mensch. Und so paradox es auch klingt - mit seiner modernen Medizin züchtete er heute die Sorgen von morgen.

Nachdem die Transfusionsmedizin durch verseuchte Blutprodukte beispielsweise bis 1990 Tausende Menschen mit Hepatitis-C-Viren infiziert hat, ist heute vor allem der unqualifizierte Einsatz von Bakterienkillern ein Problem. Von mittlerweile 89 Millionen Medikamentenpackungen, die laut österreichischer Apothekerkammer jährlich an die Bevölkerung abgegeben werden, sind viereinhalb Millionen (fünf Prozent) Antibiotika.

Keine Wirkung mehr

Werden diese zu früh abgesetzt, weil etwa keine Symptome mehr vorhanden sind, zu unregelmäßig eingenommen, zu niedrig oder zu hoch dosiert, entwickeln Bakterien Resistenzen: Sie können mit den Antibiotika dann nicht mehr bekämpft werden.

Inadäquat eingesetzte Antibiotika, nicht zuletzt aufgrund mangelnder Verfügbarkeit für einen ausreichenden Behandlungszeitraum, sind beispielsweise eine Ursache für die drastisch steigende Resistenz von Tuberkuloseerregern in Osteuropa, die laut Expertenmeinung nach der EU-Erweiterung zu einer gesundheitspolitischen Herausforderung für die gesamte Union, besonders aber für Deutschland und Österreich werden wird.

Daneben fördern mangelnde Hygiene und unzureichende Überwachung das steigende Aufkommen von "nosokomialen" (im Spital auftretende) Infekten. Laut Schätzungen ziehen sich in Österreich bis zu zehn Prozent aller Patienten solche Infektionen zu.

Auch der Einsatz von Zytostatika bei Krebspatienten und die Unterdrückung des Immunsystems nach Transplantationen (damit das fremde Gewebe bei jährlich rund 800 österreichischen Organempfängern nicht abgestoßen wird) erhöhen die Gefahr von neuartigen und opportunistischen Infektionen - Letztere verursachen Krankheiten, die bei intaktem Immunsystem keine geworden wären.

Problem Viehzucht Weiters breiten sich Infektionen durch vermehrtes Reisen und internationalen Austausch von Waren, durch Globalisierung, aus. Vor allem die Landwirtschaft stellt - neben Antibiotika, die als Leistungsförderer in der Massentierhaltung zahlreiche für den Menschen fatale Resistenzen hervorrufen - ein Problem dar, besonders in Asien, wie Vogelgrippe und Sars deutlich gezeigt haben und zeigen.

Dort bieten sich beispielsweise durch die intensive, gleichzeitige Aufzucht verschiedener Arten (vor allem Geflügel und Schweine) auf engstem Raum und in direkter Nachbarschaft zum Menschen ideale Voraussetzungen für eine Rekombination hoch infektiöser, viraler Gene: Die Allesfresser schlucken aviäre und humane Viren, die sich beide in den Paarhufern wohl fühlen und vermehren. Und sich dort schließlich so nahe kommen, dass sie Teile ihrer Gene austauschen. Mögliches Resultat: ein neues, für den Menschen tödliches Virus. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 4. 2004)

  • Helicobacter pylori: Die Mikroben sollen bei der Entstehung von Magenkrebs eine fatale Rolle spielen.
    foto: der standard

    Helicobacter pylori: Die Mikroben sollen bei der Entstehung von Magenkrebs eine fatale Rolle spielen.

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