Was Hippokrates wusste und wir wissen sollten

23. Dezember 2004, 14:21
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Tabak kauen, Seife lutschen, Kohlsuppe und Atkins - eine Geschichte der Diäten

Wien - Die verschiedensten Diäterfindungen wie Kohlsuppe, Atkins oder Trennkost sind Kinder unserer Zeit. Das Diktat der Waage allerdings nicht. Bereits in der Antike beschäftigten sich die oberen Zehntausend akribisch mit ihren Essgewohnheiten. Seit den sechziger Jahren wurde das Hungern zu einem regelrechten Breitensport. Mit zweifelhaftem Erfolg: Die Menschen in Westeuropa sind dicker als jemals zuvor. "Sinnvoll ist nur eine individuell angepasste und vor allem dauerhafte Umstellung des Essverhaltens weg von den billigen Riesenportionen hin zu weniger Fett, Zucker und Kalorien", so Dr. Fritz Hoppichler, Präsident der österreichischen Adipositas-Gesellschaft.

400 Jahre vor Christi Geburt legte Hippokrates, der Vater der europäischen Heilkunst, fest, welches Lebensmittel zu welcher Jahreszeit gegessen werden sollte, um das innere Gleichgewicht zu fördern. Außerdem insistierte er darauf, niemals über das natürliche Sättigungsgefühl hinaus zu schlemmen. Die Kontrolle über das Essverhalten, mit dem Ziel Gewicht zu verlieren, ist allerdings erst 200 Jahre alt. Damals ließ man sich zum Zweck des Appetit Zügelns besonders skurrile Methoden einfallen, wie zum Beispiel Tabak Kauen, Seife Lutschen, Aderlass oder einfach ausschließlich Dinge zu essen, vor denen man sich ekelte.

Vom Wohlstandsbauch zum Schlankheitswahn

Der Wohlstandsbauch erfuhr nach den kargen Jahren des Zweiten Weltkrieges noch einmal ein kurzes Comeback, wurde allerdings in den sechziger Jahren ziemlich rasch von Twiggy und dem aufkommenden Schlankheitswahn für immer aus der Welt der Schönen verbannt. Von da an begann die Zeit der Blitz-Diäten - Vokabel wie "Jojo-Effekt" und "Crash-Diät" feierten Einzug in die deutsche Sprache.

Zu Beginn der siebziger Jahre erschien das bis heute gerne praktizierte "Friss die Hälfte" kurz "FdH" auf der Bildfläche. Es folgten Kuren wie die eiweiß- und fettfixierte Atkins-, die obstlastige Hollywood- und die cholesterinreiche "Mayo-Diät". In den Achtzigern boomte mit der Sieben-Tage-Körnerkur und der Schnitzer-Intensiv-Kost der Körner- und Rohkostkult. Seit den neunziger Jahren setzt man auch auf künstliche Präparate, so genannte Schlankmacher, aus der Apotheke.

Kurzfristiger Erfolg versus sinnvolles Essverhalten

Aber: Allen kurz- oder langfristigen Abnehmkuren zum Trotz leiden heute mehr Leute in westeuropäischen Ländern an Übergewicht als jemals zuvor. In Österreich sind es satte 41 Prozent. "Schuld daran ist die mangelnde Aufklärung über sinnvolles Essverhalten", so Hoppichler. Die meisten der aktuellen Diäten, wie die Kohlsuppen-, die Ananas-, die Blutgruppen- oder die Atkins-Diät führen nämlich nur kurzfristig zum Erfolg und erzeugen langfristig durch die höchst einseitige Ernährung Gesundheitsschäden. "Das ist in hohem Maße Körper verletzend", urteilt der Experte.

Sinnvoll ist nur eine individuell angepasste und vor allem dauerhafte Umstellung des Essverhaltens weg von den billigen Riesenportionen hin zu weniger Fett, Zucker und Kalorien. "Das allerdings hören die Menschen nicht gerne", so Hoppichler. Die Tatsache, dass sich Blitzdiäten hartnäckig halten und in jedem Frühjahr die Titelseiten beinahe aller Frauenzeitschriften zieren, erklärte er folgendermaßen: "Hier wird ein Wunschtraum der Menschen geschürt. Dahinter stecken aber nur beinharte Geschäftemacher. Keine der trendigen Diäten hält, was sie verspricht." (Von Julia Schnizlein/APA)

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