Tschechische Winzer im Wettlauf mit der Zeit

11. Februar 2005, 15:38
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Anbauflächen noch vor dem EU-Beitritt ausgeweitet - Ab Mai starken Restriktionen unterworfen

Rakvice/Tschechien - In der Bekanntheitsskala nimmt er keinen Spitzenplatz ein, aber der tschechische Wein will sich in der Europäischen Union selbstbewusst behaupten. Den Winzern in der Tschechischen Republik stoßen deshalb die Regelungen, die für sie nach dem EU-Beitritt am Wochenende gelten, besonders sauer auf: Wegen einer EU-weiten Überproduktion dürfen sie ihre Anbauflächen so gut wie nicht mehr ausweiten. Dabei sehen die tschechischen Weinbauern durchaus noch Kapazitäten.

Im Wettlauf mit der Zeit haben zahlreiche Winzer noch versucht, vor dem 1. Mai neue Weinberge anzulegen. Der enge Rahmen aber bereitet ihnen Bauchschmerzen: "Die Eile wird sich nur negativ auf die Qualität des Weins niederschlagen", meint Milos Michlovsky. Zwar stand bei ihm schon lange der Anbau weiterer Rebstöcke auf dem Plan, aber hetzen lassen wollte er sich nicht. "Das ist der Preis, den wir für schlecht ausgehandelte Beitrittsbedingungen zahlen müssen", sagt der 50-Jährige aus dem Dorf Rakvice.

Startposition ausbauen

Auch in der Slowakei oder in Slowenien haben sich die Weinbauern noch bemüht, mit neuen Flächen ihre Startposition im EU-Markt zu verbessern. In Tschechien werden die Einschränkungen zum 1. Mai aber als besonders drückend empfunden. Denn der Weinabsatz in der Republik ist noch stark ausbaufähig: Der Tscheche trinkt derzeit durchschnittlich 16 Liter Wein pro Jahr und liegt damit weit unter dem europäischen Mittelmaß von 25 Litern jährlich. Zudem decken die einheimischen Produzenten im Moment nur etwa ein Drittel des Bedarfs.

Ein Antrag auf eine Ausnahmeregelung vom Verbot neuer Anbauflächen sei in der EU weitgehend negativ beschieden worden, berichtet Jaroslav Machovec, Leiter eines Fonds, der die Ausweitung der Weinberge noch vor dem 1. Mai unterstützt. Lediglich knapp 300 Hektar in den kommenden fünf Jahren seien erlaubt worden. "Es ist klar, dass die tschechischen Weinbauern nicht glücklich sind", sagt Machovec. "Aber aus Sicht der EU besteht einfach kein Bedarf an mehr Wein. Sie produzieren schon mehr als genug."

Neidvoll blicken die tschechischen Winzer nach Ungarn. Dort seien in den Gesprächen mit der EU bessere Produktionsquoten für Wein ausgehandelt worden, heißt es. "Keine Probleme" für die Tokajer-Winzer erwartet denn auch der dortige Weinbauverband.

Die EU-Restriktionen seien ein Fehler und auch ein Wettbewerbsnachteil für europäische Weine auf dem Weltmarkt, meint der Tscheche Michlovsky. "Wie sollen wir unter solchen Bedingungen konkurrieren können? In Übersee kommen ihnen solche Verbote überhaupt nicht in den Sinn." Um die Einschränkungen zu Hause zu kompensieren, sieht sich Michlovsky nach Anbauflächen in Chile und Australien um.

Andere sehen aber auch ihre Chance auf dem europaweiten Markt. "Es ist ein neuer Anfang", sagt Jiri Sedlo vom tschechischen Weinbauverband. "Es wird schwer, aber ich bin sicher, dass wir überleben werden." Auch in Slowenien, wo die Anbauflächen vor dem EU-Beitritt ebenfalls ausgeweitet worden sind, setzt man auf vorsichtigen Optimismus: "Wir haben keine Angst vor der EU", erklärt der Tourismus- und Gastronomie-Journalist Drago Bulc. "Ein größerer Markt bedeutet größere Exportmöglichkeiten für unsere Weine."(APA/AP)

  • In der Bekanntheitsskala nimmt er
keinen Spitzenplatz ein, aber der tschechische Wein will sich in der
Europäischen Union selbstbewusst behaupten
    foto: photodisc

    In der Bekanntheitsskala nimmt er keinen Spitzenplatz ein, aber der tschechische Wein will sich in der Europäischen Union selbstbewusst behaupten

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