Offener Brief zu "widerwärtiger" Berichterstattung über Israel

29. April 2004, 18:44
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Schriftsteller und Publizist Giordano: Berichte deutscher Medien "einseitig", Empörung über gezielte Tötungen "heuchlerisch"

Köln - Der Schriftsteller und Publizist Ralph Giordano (81) hat in einem Offenen Brief die deutschen Medien wegen ihrer Israel-Berichterstattung scharf kritisiert. Weite Teile der veröffentlichten Meinung bestünden aus grenzenlos einseitigen Schuldzuweisungen an Israel, schreibt Giordano in dem Brief. "Es ist widerwärtig zu erleben, wie empfindungslos sich weite Kreise über die israelischen Opfer (der Selbstmordattentate) hinwegsetzen", heißt es in dem Text.

"Notorische Israel-Ankläger"

Heuchlerisch etwa sei die Empörung der Europäer über Israels Ermordung der Führer der radikal-islamischen Hamas-Bewegung, Scheich Ahmed Yassin und Abdelaziz Rantisi. "Warum soll die gezielte Tötung zweier Männer, die unzählige gezielte Morde angeordnet haben, schlimmer sein als diese Morde?", fragt Giordano. "Wollen ungefährdete Deutsche tatsächlich und allen Ernstes die Israelis besserwisserisch belehren, wie deren Staat und Regierungen ihre (Bürger) vor den Mordanschlägen von Hamas, Dschihad und Hisbollah zu schützen hätten?" Giordano forderte die "notorischen Israel-Ankläger" in deutschen Nachrichten-Redaktionen auf, sich künftig intensiver mit diesen Aspekten zu beschäftigen.

Panik und Chaos

Wären in den vergangenen zwei Jahren "zwischen Flensburg und München" rund 3.000 Tote durch Terrorakte zu beklagen, darunter 900 durch Selbstmordattentate, wären hierzulande längst Panik und Chaos ausgebrochen, schreibt Giordano. "Es ist höchst fraglich, ob die Demokratie Deutschland unter solchen Bedrohungen so stabil bleiben würde, wie die Demokratie Israel nachweisbar geblieben ist." Er weigere sich, Maßnahmen zum Schutz der Israelis mit hinterhältigen Anschlägen arabischer Terroristen auf eine Stufe zu stellen.

Anpassung an die Moderne

Nicht von Israel aus würden große Schatten über das 21. Jahrhundert fallen, sondern von Seiten der 22 arabischen Länder. Diese hätten die größten Schwierigkeiten bei der Anpassung an die Moderne, "ohne je die Ursachen dafür bei sich selbst zu suchen", heißt es in dem Brief. Dort seien die Frauen und damit die Hälfte der Gesellschaft so gut wie rechtlos, Menschenrechte seien unbekannt und Verantwortung für hausgemachte Übel würden grundsätzlich an die USA und Israel delegiert. (APA/dpa)

  • Ralph Giordano
    foto: apa/epa/ dpa/tim brakemeier

    Ralph Giordano

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