Nachlese: Mehr als 100 Tote bei Rebellenangriff

6. Dezember 2004, 18:35
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Gefechte zwischen Aufständischen und Sicherheitskräften im moslemischen Süden - Vorläufige Höhepunkt einer seit Jänner andauernden Gewaltwelle

Pattani/Bangkok – Die leblosen Körper liegen in Pfützen aus Blut mitten auf der Straße, Soldaten patrouillieren in gepanzerten Wagen, Maschinengewehrfeuer prasselt. Die Provinzstadt Pattani ist Schauplatz der schlimmsten Kämpfe, an die sich die Menschen im muslimischen Süden Thailands erinnern können. Am Mittwochmorgen entschließen sich die Sicherheitskräfte, die Kraesei-Moschee am Rande der Stadt zu stürmen, in der sich Aufständische verschanzt haben. Mehr als 70 Angreifer sind zu diesem Zeitpunkt bereits getötet worden. Über dem Gebetshaus kreisen Hubschrauber, Rauchschwaden verdunkeln den Himmel. Granaten und Tränengas sollen den Widerstand der Rebellen brechen. Soldaten beziehen zwischen den Kokosnusspalmen rund um das Betongebäude Stellung, dann nehmen sie die Moschee ein. Im Innern zählen sie mehr als 30 Leichen, wie Major Chitnart Bunnothok berichtet.

Gleichzeitige Angriffe auf Polizeiwachen und Kontrollpunkte

Der Aufstand begann in der Nacht mit gleichzeitigen Angriffen auf Polizeiwachen und Kontrollpunkte in drei Südprovinzen an der Grenze zu Malaysia. Die Angreifer sind jung, kaum dem Teenageralter entwachsen. „Viele hatten nur eine Machete in der Hand. Es sah aus wie ein Todeswunsch – wirklich fürchterlich“, sagt ein Polizeioffizier später. Für die gut ausgerüsteten Polizisten und Soldaten war es ein Leichtes, sie niederzumetzeln. Fernsehbilder zeigen gleichwohl Polizeistationen in Flammen, Helfer kümmern sich um verletzte Beamte. Die Toten liegen zu Dutzenden auf der Straße. Einige halten die Machete noch in der Hand. Die blutigen Leichen werden auf die Ladeflächen von Lieferwagen geworfen, sie sollen gerichtsmedizinisch untersucht werden.

Thailands moslemischer Süden

Pattani ist eine der drei Provinzen Thailands, in denen sich die kleine muslimische Minderheit des überwiegend buddhistischen Landes konzentriert. Dort, etwa 200 Kilometer südlich der Touristenhochburgen, sind die Menschen weit ärmer als im Rest des Landes. Sie sprechen einen eigenen Dialekt, Schilder sind auf Arabisch beschriftet, und die Frauen verhüllen sich mit Kopftüchern. Seit langem fühlen sich die Muslime benachteiligt und eigentlich eher dem benachbarten Malaysia zugehörig.

Widersprüche

Regierungsstellen in Bangkok machten am Mittwoch widersprüchliche Angaben über die Hintergründe der offensichtlich koordinierten Angriffe auf elf Polizeistationen. Das Verteidigungsministerium betrachtete die Überfälle als Teil eines größeren Aufstands von Separatisten, die sich auf die Hilfe internationaler Terroristen stützten. Premier Thaksin Shinawatra sprach dagegen von „kriminellen Banden“ und jugendlichen Drogenabhängigen. Die Drogenmafia galt bisher als möglicher Drahtzieher der Unruhen im Süden. Polizei und Armee in Thailand verfolgen seit einem Jahr mit großer Härte eine von Menschenrechtsorganisationen heftig kritisierte Antidrogenkampagne mit zahlreichen ungeklärten Todesfällen. Bei Verhaftungen in den vergangenen Wochen sollen Jugendliche zugegeben haben, 1500 Bath, umgerechnet 32 Euro, erhalten zu haben, um Schulen und andere öffentliche Gebäude im Süden anzuzünden. „Diese Leute sind keine Ideologen. Sie taten es, weil sie arbeitslos waren“, erklärte der Sicherheitsexperte Mark Tamthai.

Irak-Engagement schürt den Zorn

Thailands Beteiligung an der Irakbesetzung schürte gleichwohl den Zorn der Muslime. Eine Spur der Terrororganisation Jemaah Islamiya führte zudem auch nach Bangkok. Dort wurde Hambali, einer ihrer führenden Köpfe, gefasst. (mab/DER STANDARD, Printausgabe, 23. 4. 2004))

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    Thailändische Soldaten im Einsatz gegen die Rebellen

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