"Mich nennen sie Vater"

28. April 2004, 21:49
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Pfarrer Pucher von der Grazer Obdachlosensiedlung VinziDorf reagiert auf Anschuldigungen: Die Frau habe "ein psychologisches Problem"

Pfarrer Wolfgang Pucher von der Grazer Obdachlosensiedlung VinziDorf reagiert auf Anschuldigungen der ehemaligen Dorfleiterin: Die Frau habe "ein psychologisches Problem". Einer der Männer, der in einem Pflegeheim vom Alkohol loskam, ist seit Montag wieder im Dorf.

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"Das ist eine Racheaktion", empört sich Pfarrer Wolfgang Pucher, Gründer der Grazer Containersiedlung VinziDorf. Seine ehemalige Leiterin, die Sozialpädagogin Petra Schulz, verließ Ende des Vorjahrs die Siedlung wegen Differenzen mit freiwilligen Helfern und hatte den Umgang mit schwer Kranken im Gespräch mit dem STANDARD kritisiert. Zudem setzte sie sich für den Verbleib zweier Alkoholiker in einem Pflegeheim in St. Oswald ein, wo diese den Entzug schafften.

"Ein psychologisches Problem"

"Bei Frau Schulz gibt es ein psychologisches Problem", kontert der Pfarrer, "sie hat sich in ihrer Professionalität angegriffen gefühlt. Aber das Geheimnis des VinziDorfes sind die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Zu ihnen gibt es ein mütterliches, liebevolles Verhältnis, das manchmal auch streng sein kann, aber letztlich Güte ausstrahlt. Mich nennen die Bewohner Vater."

Schulz hält dem entgegen: "Pucher fürchtet sich vor Professionalität, weil er den Vergleich mit Psychologen, Therapeuten, Sozialpädagogen und Sozialarbeitern scheut." Den meisten Ehrenamtlichen attestiert sie ein "Helfersyndrom und emotionale Abhängigkeit von den Obdachlosen".

Am Montag wurden Toni E. und Franz V. nach einem Gespräch mit der Patientenanwältin aus dem Pflegeheim abgeholt. Beide auf eigenen Wunsch, so Pucher. Toni E. wurde in ein anderes Heim in Graz gebracht. "Es ist ganz in der Nähe, dort können wir ihn jederzeit besuchen", erklärt die Obfrau des VinziDorfes, Erika Absenger. Diese wehrt sich gegen Vorwürfe über ein zurückgehaltenes Sparbuch. Das Pflegegeld von 41,40 Euro monatlich, das einige Bewohner beziehen, zahle man auf ein vom Vorstand verwaltetes Konto ein. Absenger: "Von diesem Geld bekommen sie ein Taggeld und wir kaufen Waschmittel und Pflegemittel. Die Männer wollen das so."

Zurück im Dorf

Franz V., lebt nach einem Jahr wieder im Dorf und erzählte dem STANDARD, die Heimleiterin, Dagmar Gschliesser, habe ihm jenen Brief, in dem er kürzlich um seinen Verbleib im Heim bat, "angesagt". Gschliesser dazu: "Das ist nicht wahr. Ich habe Franz nur gesagt, er soll niederschreiben, was er für sich will. Dafür gibt es Zeugen." Vier Leute aus dem VinziDorf hätten am Montag auf ihn eingeredet, "bevor die Patientenanwältin überhaupt mit ihm sprechen konnte". Gschliesser weiter: "Auch unsere professionellen Mitarbeiter haben sich oft in der Freizeit um die zwei gekümmert." (Colette M. Schmidt/DER STANDARD; Printausgabe, 28.4.2004)

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