Verdi-Arien auf F.-X.-Mayr-Diät

27. April 2004, 19:35
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David Byrne begeisterte beim "Donaufestival" in Korneuburg mit alten Hits

Wien - Wenn die Yuppies einmal in Rente gehen, dann wird es irgendwo da draußen auch einen Radiosender geben, der das Wunschkonzert postmodern eklektizistisch anlegt und so ein Programm spielt. Bei uns klapprigen Key- Account-Managern oder Stock-Trade-Wasteln schleimen sich die Erbschleicher dann mit Countrysongs über Bierliebhaber ebenso ein wie mit einem das Lob der Faulheit beschwörenden Ibiza-Disco-Hit aus dem jungen dritten Jahrtausend. Damals, als man mit vierzig morgens um vier in der Disco erkannte, dass Ecstasy vielleicht doch das Herz mehr belastet als eine Flasche Rioja.

Abgerundet wird das Ganze schließlich noch mit Alfreds Liebesgeständnis an Violetta aus Verdis La Traviata: Un dì Felice, Eterea. Das klingt wie Pavarotti auf viermonatiger F.-X.-Mayr-Kur. Also ganz arm. Trotzdem: Man hat ja schließlich Niveau!

Für David Byrne ist das ein ganz normaler Arbeitstag. Auf seinem neuen Album Grown Backwards ebenso wie hier in der alten Korneuburger Werft beim Donaufestival legt das alte Mastermind der New Yorker Talking Heads vor mit ihm älter gewordenem, aber im Kopf immer noch mittanzendem Publikum noch ein Schäuferl Postmoderne nach.

David Byrne, der seit gut einem Vierteljahrhundert als amtlich beglaubigter Miterfinder der kunterbunten Weltmusik zwischen Copa Cabana, afrikanischem Kral, Appalachen und den Chillout-Stüberln im Laptop gilt, jault sich mit seiner nach wie vor am oberen Limit kratzenden Kopfstimme noch gut gelaunt durch ein besonderes Gustostück. Wir hören eine Neudeutung von Ausencia, ein aus der Feder des bosnischen Komponisten Goran Bregovic stammendes, irgendwie nach Zigeunerbegräbnis und Emir Kusturica klingendes Lied.

Noch mehr edle Extravaganz: Mit dem sechsköpfigen Streicherensemble Tosca Strings, einer Bande von Texanern, die Byrne in einer Truckerkneipe dabei auflas, wie diese Klassiker aus Rock und Metal Richtung André Rieu bogen, mit zwei Perkussionisten und einem Bassisten wurde zwar das nur milde beachtete, aber stets mit dem Siegel des künstlerisch Wertvollen versehene Soloschaffen Byrnes ausgiebig gestreift.

Wirkliche Stimmung in die Hütte kam aber nur bei den alten, noch immer unglaublich modern und mitreißend klingenden Songs der Talking Heads: Life During Wartime, der mächtige Afro-Funk von I Zimbra und natürlich die Road To Nowhere. Jubel. Was waren wir früher doch für wilde Broker! (schach/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 4. 2004)

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