Flut von Schmuggelzigaretten befürchtet

28. April 2004, 09:30
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Mafia plant angeblich Offensive nach EU-Erweiterung - In Beitrittsländern ist Tabaksteuer erheblich niedriger

Auf Deutschland rollt mit der EU-Osterweiterung eine riesige Welle von Schmuggelzigaretten zu. Der Sprecher des Zollkriminalamtes, Leonhard Bierl, berichtete am Dienstag in Köln, nach Informationen der polnischen Behörden habe die Zigarettenmafia bereits in den vergangen Monaten eine Reihe von großen Lagerhäusern an der weißrussisch-polnischen Grenze angemietet, in denen Millionen Zigaretten für den Transport in Richtung Westen bereit lägen. Er bestätigte damit einen Bericht der "Berliner Zeitung".

"Nach der Öffnung der Grenzen wird der Zigarettenschmuggel zunehmen. Damit ist auf jeden Fall zu rechnen", sagte Bierl. Denn den Schmugglern winken erhebliche Gewinne. Schließlich ist in den Beitrittsländern die Tabaksteuer erheblich niedriger als in den alten EU-Ländern.

Zusammenarbeit der Zollbehörden soll verstärkt werden

In Polen koste eine Packung Zigaretten durchschnittlich 1,50 Euro, während der Preis in Deutschland unaufhaltsam auf die 4-Euro-Marke zusteuere, rechnete Bierl vor. "Deutschland wird sicher ein Zielland werden." Die "Berliner Zeitung" berichtete, eine Studie gehe davon aus, dass die Steuerverluste des Bundes von derzeit bis zu 1,2 Milliarden Euro jährlich auf bis zu 1,7 Milliarden Euro steigen könnten.

Um die Flut einzudämmen, soll die Zusammenarbeit der Zollbehörden international weiter verstärkt werden. So werden die deutschen Zollfahnder künftig mit Verbindungsbeamten in Polen, Tschechien und Russland vertreten sein. Doch hilft dies nicht überall. In Ermittlerkreisen ist es ein offenes Geheimnis, dass gerade in Weißrussland die Kooperation der dortigen Behörden zu wünschen übrig lässt.

Totalfälschungen

Dabei ist der Zigarettenschmuggel ein internationales Geschäft, dass auch nur durch internationale Zusammenarbeit bekämpft werden kann. Die Drahtzieher, die den Schmuggel finanzieren, sitzen nach Erkenntnissen des Zollkriminalamtes in der Schweiz, in Russland, in Litauen oder auch auf Zypern. Die Beschaffung der Ware und der Schmuggel werde von Deutschen, Polen, Ungarn, Litauern oder Russen übernommen.

Ihre Ware besorgen sich die Schmuggler entweder bei Lizenzherstellern in Osteuropa oder direkt bei den Herstellern in der alten EU. Außerdem gibt es Totalfälschungen. "Die gefälschten Zigaretten kommen zum größten Teil aus China über den Hamburger Hafen nach Deutschland", berichtete Bierl. Dies deckt sich mit den Erkenntnissen der österreichischen Behörden: Der größte Aufgriff in Ostösterreich im Jahr 2003 gelang nach einem Hinweis aus Hamburg. Danach wurden in Wien zwei Container aus China mit 15,5 Millionen Stück Schmuggelzigaretten sichergestellt.

In Österreich wurden 100 Millionen Schmuggelzigaretten beschlagnahmt

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr in Österreich mehr als 100 Millionen Stück Schmuggelzigaretten beschlagnahmt, unter anderem 11,1 Millionen in Niederösterreich, die ungarischer Herkunft waren. Dabei wurde eine ganze Tätergruppe ausgehoben. Generell gilt Österreich eher als Transitland für Schmuggelzigaretten. Die Behörden haben für die Zeit nach dem Wegfall der systematischen Zollkontrollen an den Grenzen verstärkte Überprüfungen im Binnenland angekündigt.

Vor wenigen Tagen wurde auch in Tschechien eine große illegale Zigarettenfabrik ausgehoben. Zehn Bulgaren wurden festgenommen. "Von diesen illegalen Herstellungsbetrieben werden wir nach dem Beitritt in den östlichen Ländern noch mehr entdecken", prophezeite Bierl. Auch im Westen der EU gebe es vermutlich noch die eine oder andere illegale Tabakfabrik. Dafür spreche schon die Tatsache, dass die Zollfahnder im vergangenen Jahr 92 Tonnen Rohtabak sicherstellten, genug, um damit rund 92 Millionen Zigaretten herzustellen.

"Lukratives Geschäft"

"Das ist ein lukratives Geschäft. Da lohnen sich solche Investitionen", sagte Bierl. Deshalb sei auch nicht auszuschließen, dass es angesichts der neuen Situation nach der Grenzöffnung zu einer Eskalation der Gewalt zwischen den Mafiagruppen komme. "Es wird teilweise mit erheblicher Brutalität gekämpft, um Marktanteile zu sichern", sagte berichtete Bierl. (APA/AP)

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