US-Schriftsteller Hubert Selby gestorben

27. April 2004, 18:35
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Autor von Romanen wie "Letzte Ausfahrt Brooklyn" und "Requiem für einen Traum"

Los Angeles - Der amerikanische Schriftsteller Hubert Selby, Autor sozialkritischer Romane wie "Letzte Ausfahrt Brooklyn" und "Requiem für einen Traum", ist tot. Nach Angaben seiner Frau starb Selby, der schon in seiner Jugend Tuberkulose hatte, am Montag im Alter von 75 Jahren in seinem Haus in Los Angeles an einer Lungenerkrankung, berichtet der "Hollywood Reporter". Der gebürtige New Yorker wurde durch seine schonungslose Darstellung von Drogensüchtigen und kaputten Großstadt-Menschen bekannt.

"Wie eine rostige Bombe" sei Selbys Debütroman "Letzte Ausfahrt Brooklyn" ("Last Exit Brooklyn") 1964 über dem rechtschaffenen Amerika der 60er Jahre explodiert, meinte der Underground-Poet Allen Ginsberg. Selby stammte aus bescheidenen Verhältnissen, wuchs in Brooklyn auf, war selber alkohol- und drogenabhängig, er wusste also, worüber er schrieb.

Aufsehen erregendes "Last Exit Brooklyn"

Zehn Jahre arbeitete er an "Last Exit Brooklyn", zweieinhalb Jahre allein am berüchtigten Kapitel über eine 15 Jahre alte Hure, die von einer Bande brutal vergewaltigt wurde. Das Buch löste wegen der krassen und direkten Sprache Empörung aus, manche prangerten es als obszön an. In Großbritannien wurde das Werk wegen Anstößigkeit 1967 sogar verboten. Der deutsche Produzent Bernd Eichinger wagte es, das Werk über die Gescheiterten am Rande der Gesellschaft 1989 - mit Selby als Berater und Uli Edel ("Christiane F.") als Regisseur - in die Kinos zu bringen.

Das war zu einem Zeitpunkt, als Selby seine Tantiemen für seinen Welterfolg längst durchgebracht und zwischenzeitlich von Sozialhilfe gelebt hatte. Die zunehmend von Marketingstrategen dominierte amerikanische Literaturszene nahm schon lange kaum Notiz mehr von seinen von Sex, Drogen, Gewalt und Ausweglosigkeit geprägten Romanen und Erzählungen.

Auf Deutsch erschien das insgesamt nicht allzu umfangreiche Werk Selbys mit den Romanen "Mauern" (Originalausgabe 1970), "Der Dämon" (1976), "Requiem für einen Traum" (1978), "Willow Tree" (1998) und dem Erzählband "Lied vom stillen Schnee" (1986).

"Red Hook ist wie ein Gefängnis"

"Letzte Ausfahrt Brooklyn" zeigte, dass der einstige amerikanische Traum längst zu einem Albtraum geworden war. Der New Yorker Stadtteil Brooklyn gibt den Hintergrund ab, die Handlung spielt im Jahre 1952. In Korea wird gekämpft, im Viertel Red Hook wird gestreikt. In den Kaschemmen und Bars treffen sie aufeinander: GI's und Matrosen, Arbeitslose und solche, die schon lange resigniert haben, Transvestiten und Mädchen, deren Körper für ein paar Drinks zu haben sind, Verlorene und Verlierer.

"Red Hook ist wie ein Gefängnis", sagte Selby, "aber eigentlich ist dieses Gefängnis in uns selbst. Die Sehnsucht, die Suche nach Glück und Liebe, ohne dabei zu begreifen, dass sie nicht allein Nehmen, sondern vor allem Geben heißt."

Werdegang

Selby wurde 1928 in Brooklyn geboren, der Vater trank, die Mutter versuchte die Familie durchzubringen. Kaum 15 Jahre alt, verließ Selby die Schule. Auf einem Frachter heuerte er nach Europa an, doch schon auf seiner ersten Fahrt infizierte sich der eigentlich kräftige Jugendliche mit Tuberkulose. Die nächsten vier Jahre verbrachte Selby in verschiedenen Krankenhäusern Brooklyns. Die Ärzte gaben ihm kaum eine Überlebenschance, und die kaputte Gesundheit sollte wie ein Schatten über seinem ganzen weiteren Leben liegen.

Dass hinter dem schonungslosen Realisten ein Moralist steckte, machte Selby auch in seiner Kritik am amerikanischen Traum deutlich, den Sinn des Lebens im Nehmen zu sehen und nicht im Geben. "Dieser Traum wird uns jede Form von Ethik und jede moralische Integrität, die wir haben könnten, zerstören", sagte Selby in einem "Zeit"- Artikel (Juni 2002) und fügte hinzu: "Alle Werte werden dadurch vernichtet werden. Dieser Traum ist eine Lüge, und er wird uns umbringen. Deswegen träume ich das Ende des American Dream." Selby war drei Mal verheiratet und hinterlässt vier Kinder.(APA/dpa/AP)

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