Wie die Grippe zur Pandemie werden kann

30. April 2004, 18:28
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Forscher sehen potenziell gefährliche Viren-Reservoirs vor allem bei Vögeln

Wien/Washington - Das Reservoir für neue Pandemie-Influenza-Viren wie die "Spanische Grippe" (1918) oder die Hongkong Grippe (1968) liegt im Tierreich - speziell bei Vögeln. Doch nur wenige der Tier-Viren schaffen den Sprung über die Artengrenze. Neueste Forschungsergebnisse zeigen laut dem Wiener Virologen Univ.-Prof. Dr. Franz X. Heinz deutlich, dass die Fähigkeit der Viren, über bestimmte Rezeptoren in Zellen eindringen zu können, ausschlaggebend ist. Das Übergreifen von Vogel-Viren auf den Menschen ließe sich am effektivsten durch die Massenschlachtung von betroffenen Geflügel-Beständen verhindern.

"Fest steht, dass das Reservoir für neue Pandemie-Viren des Menschen im Tierreich - vor allem bei Vögeln - liegt und dass das Überspringen der Speziesbarriere sehr eng mit der Rezeptorspezifität des Virus verknüpft ist", schrieb Heinz jetzt in den "Virus-Epidemiologischen Informationen".

Epidemische Ausbreitung

Das gilt auch für die Influenza-Erreger. Um in Zellen - auch in Zellen des Menschen - eindringen zu können, müssen die Krankheitserreger an ihrer Oberfläche die richtige Ausbildung von Hämagglutinin-Strukturen aufweisen. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass von den bei Vögeln bekannten Influenza-Viren mit 15 verschiedenen Hämagglutinin-Strukturen nur drei (H1/Spanische Grippe; H2/Asiatische Grippe; H3/Hongkong Grippe) die Anpassung an den Menschen schafften und zu weltweiten Epidemien führten.

Influenza-Viren dringen vor allem in Zellen von Schleimhäuten ein und vermehren sich dort. Allerdings vermehrten sich die Vogel-Viren vor allem im Darm, bei den Menschen sind es die Schleimhäute der Atemwege. Heinz: "Es stellt sich allerdings die Frage, warum dann solche Viren überhaupt den Menschen infizieren können, wie das ja gerade in der jüngeren Vergangenheit immer wieder passiert ist."

Neue Erkenntnisse

Laut dem Wiener Virologen hat eine vor kurzem im Journal der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften (PNAS 101, No. 13; 30. März) erschienene Studie völlig neue Erkenntnisse erbracht. Die Wissenschafter hatten Infektionsversuche von in Kulturen gezüchteten verschiedenen Zellen der menschlichen Atemwegs-Schleimhaut durchgeführt.

Dabei ergaben sich bisher unbekannte Ergebnisse: Vogel-Influenza-Viren vermehrten sich vor allem in Schleimhautzellen, die an der Oberfläche feine Flimmerhärchen tragen. Die Flimmerhaare transportieren aus den Bronchien Staub etc. ab. Vom Menschen stammende Influenza-Viren infizieren und vermehren sich vor allem in Flimmerhaar-freien Schleimhautzellen, weniger stark in "behaarten" Zellen.

Plädoyer für Massenschlachtungen

Heinz: "Die Entstehung einer Influenza-Pandemie setzt voraus, dass das neue Virus effizient von Mensch zu Mensch übertragen werden kann." Vogel-Viren würden in den Atemwegen des Menschen zumeist zu wenig infizierbare Zellen finden, um sich gut genug vermehren zu können. Da aber Influenza-Viren des Menschen in beiden Arten von Zellen "wachsen" können, ist die Möglichkeit einer Doppel-Infektion mit Vogel-Viren gegeben. Das wiederum kann zum Entstehen neuer Influenza-Erreger führen.

Der Virologe: "Es ist ein Glück, dass es offensichtlich nicht sehr oft zu einer derartigen Konstellation kommt, aber je häufiger Infektionen des Menschen mit Vogel-Influenza-Viren erfolgen, desto wahrscheinlicher wird ein solches Ergebnis. Die Massenschlachtung von Geflügel in Zuchtbetrieben mit Vogel-Influenza ist damit tatsächlich eine der wichtigsten vorbeugenden Maßnahmen zur Minimierung der Gefahr einer neuen Influenza-Pandemie." An der Vogelgrippe sind in den vergangenen Monaten in Südostasien rund zwei Dutzend Menschen gestorben. (APA)

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