Wähler haben spät entschieden - zulasten der ÖVP-Kandidatin

27. April 2004, 18:47
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Umfragen zeigten, dass Abstand nach Haiders Empfehlung wuchs - mit Infografik

Bereits ein Viertel der Wähler vom Sonntag wird der Gruppe der "Late Deciders" zugerechnet, die erst in den letzten Tagen vor der Wahl ihre Entscheidung getroffen haben.

Und dieses Entscheidungsmuster hat der ÖVP-Kandidatin eher geschadet als dem nunmehr gewählten Präsidenten: Nach der Wahltagsbefragung des Fessel-Instituts haben 55 Prozent der Fischer-Wähler schon mehr als zwei Wochen vor dem Wahltermin ihre Entscheidung festgelegt, bei den Wählern Ferrero-Waldners waren es nur 43 Prozent.

Das stimmt mit den Umfragen überein, die Ferrero-Waldner erst deutlich im Hintertreffen sahen, ihr dann ein Aufholen bis zur Karwoche bescheinigten und dann wieder Fischer mehr oder weniger klar vorne sahen. Die Zahlen, die market für den Standard erhoben hat, haben eine Annäherung der Werte Ende März und einen leichten Vorsprung in der Karwoche ergeben - schon in der Woche nach Ostern fiel Ferrero wieder zurück. Peter Ulram von Fessel bestätigte am Montag, dass auch sein Institut ähnliche Zahlen hatte. Zu Jahresbeginn sei Ferrero-Waldner 13 Prozentpunkte zurückgelegen, sie habe kontinuierlich aufgeholt.

Dann aber habe die Wahlempfehlung der FP-Spitze geschadet - der Wählerfluss von der SPÖ zu Ferrero-Waldner sei im Endeffekt schwächer gewesen als vor der Wahlempfehlung erwartet. "In der letzten Woche ist es dann wieder auseinander gegangen. Ich gehe nicht davon aus, dass das ein Schwerpunkt der geplanten ÖVP-Kampagne war. Das war in keiner Weise hilfreich", meint Ulram.

Negative Mobilisierung

Die "negativen Mobilisierungseffekte" hätten vor allem in Wien gewirkt, wo sich potenzielle Ferrero-Wähler gegen die "De-facto-Wahlempfehlung" der FPÖ entschieden hätten. Die stärker parteigebundene Wählerschaft der SPÖ sei leichter mobilisierbar gewesen - gerade die Wiener ÖVP sei in puncto Mobilisierung "nicht einmal ansatzweise" konkurrenzfähig.

Von einem Lagerwahlkampf sei aber keine Rede, meinte der Innsbrucker Politikwissenschafter Fritz Plasser - "wir sehen Lagerdemokratie als historische Kategorie, seit den Siebzigerjahren gibt es die Lager nicht mehr". Es habe im Gegenteil ein starkes "cross-voting" gegeben: "Jeder sechste Wähler hat eine Wahlentscheidung getroffen, die konträr zu der Partei war, die er bei einer Nationalratswahl gewählt hätte." Dass die ÖVP mit einer anderen Kandidatin besser gefahren wäre, glaubt Plasser nicht: "Man kann davon ausgehen, dass sich die Regierungsparteien nicht gerade in einem Stimmungshoch befinden. Angesichts der bundespolitischen Ausgangslage hätte ich meine Zweifel, dass es jemand anderer besser gemacht hätte."

Während das Bildungsniveau für die Wahlentscheidung "nahezu irrelevant" war (Plasser), sind bei den Berufsgruppen deutliche Unterschiede erkennbar: 59 Prozent der Selbstständigen und Bauern wählten Ferrero-Waldner. Für Fischer stimmten dagegen 49 Prozent der Angestellten und Beamten, 56 Prozent der Arbeiter sowie 54 Prozent der Pensionisten.

Es habe eine "Entscheidung zwischen zwei verschiedenen Amtsverständnissen" gegeben, glaubt Plasser. Wenig Einfluss auf das Wahlergebnis habe auch die TV-Konfrontation gehabt, die eher zur Verfestigung der vorhandenen Präferenzen geführt habe.

Motive, nicht zu wählen

Plassers Ausblick auf den nächsten Wahlgang: Nach der geringen Wahlbeteiligung vom Sonntag werde der Aussagegrad von Wahluntersuchungen am 13. Juni "völlig irrelevant" sein.

Plasser und Ulram fürchten, dass bei der Europawahl bis zu 60 Prozent der Wahlberechtigten daheim bleiben würden und daher eine Untersuchung der Nichtwählermotive höchste Priorität bekommen würde. (cs, APA/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.4.2004)

  • Infografik: Wo sind die Wähler hergekommen?

    Infografik: Wo sind die Wähler hergekommen?

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