Zwischen Genie und Showsinn

30. April 2004, 13:22
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Teile fünf und sechs von Daniel Barenboims Beethoven-Marathon

Wien - Am Ende des Samstagskonzertes überwältigender Applaus: stehende Beifallskundgebungen des Musikvereinspublikums, Bravos. Der Pianist verbeugte sich bescheiden und freundlich. Rührung allerorten. Wenn man auf das Schlussbild Bezug nimmt: ein bewegender, beinahe historischer Moment. Das Konzert selbst auch? Nicht in diesem Ausmaß.

Das kardinale Positivum des Pianisten Daniel Barenboim ist leicht definiert: Er weiß zu erzählen. Und Barenboim nahm sich auch Zeit dafür: Speziell die langsamen Sätze schienen fast aus der Zeit zu fallen (Largo e mesto der D-Dur-Sonate op. 10/3); immer bewies der 61-Jährige hierbei ein stupendes Gefühl für sinnvolles agogisches Timing. Spürbar und beeindruckend auch seine riesige Erfahrung als Orchesterleiter: Wie er Stimmungen so natürlich wachsen ließ, dass man meinte, bei der Entstehung des Werkes dabei zu sein.

Generell vagabundierte Barenboim zwischen Wärme, Delikatheit, subtiler Intensität und Furor, Gewalt und Härte: oft zu extrem, exzessiv. Speziell der Waldstein-Sonate hätte (neben mehr hochpulsender Ungeduld im 1. Satz) eine differenzierte dynamische Gestaltung gut zu Gehör gestanden; phasenweise war da nur Geknalle und Gedresche bar jeder Kontur und ernsthaften emotionalen Inhalts.

Selbstredend, dass Beethovens Werken Wildheit und Wut immanent sind, doch auch die rabiateste Rage nützt sich ab, wenn sie zu plakativ ins emotionale Feld geführt wird. Dann entlarvt sich die Show, die Pose als Mutter des Musiziergedankens. Müßig, über kleinere interpretatorische Ungereimtheiten - eigenmächtige Rubati, romantisierende, den festen Kompositionstext verwässernde Pedalisierungen - zu mäkeln: Die generelle Innigkeit und Kundigkeit Barenboims beim Musizieren überstrahlte solche negativen Marginalien meist. Auch kleinere Insuffizienzen auf technischem Gebiet irritierten nicht sehr, möchte man doch Makellosigkeit nicht als zentralen Parameter auf dem weiten Feld des Musikalischen erkennen.

Etwas lockerer als noch am Vortag ging Barenboim in seine sechste Sonatensession. Wieder pendelte der Marathonmann sekündlich zwischen Genie und Showsinn, wieder zeigte sich das Publikum von dieser Mischung über die Maßen begeistert. In der E-Dur-Sonate op. 109 übertrieb es Barenboim dann doch etwas; tuckerte in geriatrischer Manier durch das Prestissimo und schnulzte sich süßlich durch die rührende Idylle des Finalsatzes. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.4.2004)

Von
Stefan Ender
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